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Der Versimo#

Bericht erstellt Februar 2019 von: Georg Halper

Der Versimo ist eine Stilrichtung, die wir nicht nur in der Literatur, sondern auch in der Musik, der Oper, kennen. Der Ausdruck „Versimo“ leitet sich vom italienischen „vero“, was so viel wie „wahr“, „wahrhaftig“ heißt, ab. Der französische Naturalismus war der „Auslöser“ dieser Stilrichtung; es soll eine schonungslose, wahrheitsgemäße Darstellung der sozialen Probleme der Menschen auf die Bühne gebracht werden. Nicht nur höher gestellte Personen, wie Könige, Fürsten oder Herzöge sind die Protagonisten, sondern das „einfache Volk“ – also eine realistische Handlung auf einem niedrigen sozialen Niveau.

Vor allem die Sizilianer Giovanni Verga und Salvatore Di Giacomo waren mit ihren Texten, packenden, blutrünstigen Geschichten, Bahnbrecher für diese Stilrichtung.

In Italien bildete sich in der Literatur eine Gruppe, die „Scapigliatura“ (steht für Zügellosigkeit, bohemienhaftes Leben), die diese naturalistischen Ziele verfolgte. Arrigo Boito (er komponierte selbst zwei Opern, „Mefistofele“ und „Nerone“, und war Librettist für die Spätwerke Verdis! – „Otello“ und „Falstaff“) stand hier in seinen jungen Jahren als Dichter an vorderster Front. In der ersten Phase standen für den Versimo Komponisten wie Amilacre Ponchielli, Alfredo Catalani, aber auch Antonio Smareglia. Der zweiten Welle sind die bekanntesten Komponisten Pietro Mascagni, Ruggero Leoncavallo, Umberto Giordano, Francesco Cilea und Alberto Franchetti zuzuordnen. Zwischen 1890 und 1913 gelten viele ihrer Werke als Opern des „Versimo“.

Die Instrumentation bei diesen Kompositionen ist raffiniert, sehr abwechslungsreich, farbig – Leitmotive sind stark ausgeprägt. Zwischenspiele, sinfonische Schilderungen, prägen diese Opern vielfach. An die Sänger werden höchste Ansprüche gestellt – die Singstimmen gelangen durch brutale, leidenschaftliche Ausbrüche an ihre Grenzen.

Zwischen 1883 bis 1902 führte das Musikverlagshaus Sonzogno mit dem rührigen Edoardo Sonzogno als Initiator (als Gegenpol zum Musikverlag Ricordi – aber auch das Verlagshaus Lucca gab es) vier Wettbewerbe für Einakter durch.

Der erste Wettbewerb - die Ausschreibung erfolgte am 1. April (kein Aprilscherz!) 1883 - war nur für italienische Komponisten vorgesehen. Der Jury gehörten Amilcare Ponchielli, Pietro Platania, Franco Faccio, Cesare Dominicati und Aminitore Galli an. Heute kennen wir nur mehr zwei Namen von Jury-Mitgliedern: Amilcare Ponchielli, den Lehrer von Puccini und Komponisten von „La Gioconda“ (Tanz der Stunden!) und eventuell Franco Faccio (sein „Amleto“ wurde 2016 bei den Bregenzer Festspielen aufgeführt).

Damals gab es nur zwei Preisträger: Erster wurde Luigi Mapelli mit „Anna e Gullberto“, zweiter Guglielmo Zuelli mit „La Fata del Nord“. Als „Lohn“ wurden diese beiden Opern 1884 in Mailand auf die Bühne gebracht.

Lobend erwähnt wurden noch Pietro Alignani mit „La Sposa del fabbro“, Francesco Spetrino mit „Celeste“, sowie Alberto Favara mit „Marcellina“. Sowohl von der „Siegern“ als auch von den „lobend Erwähnten“ hat man nichts mehr gehört.

Teilgenommen hatte aber auch ein gewisser Giacomo Puccini mit einer Oper namens „Le Villi“ (dies war seine erste Oper!). Er wurde nicht einmal erwähnt. Das dürfte aber vor allem daran gelegen haben, dass er sehr knapp mit seinem Werk fertig geworden war und seine Niederschrift fast unleserlich war. Die Jury hatte sich offenbar nicht die Mühe gemacht, sich näher mit diesem Werk zu befassen.

Der zweite Wettbewerb wurde am 6. Mai 1890 durch Sonzogno ausgeschrieben. Nicht nur Opern sollten prämiert werden, sondern auch Libretti. Der Opern-Jury – es waren damals insgesamt 73 Einakter eingereicht worden - gehörten Filippo Marchetti, Giovanni Sgambati, Eugenio Terziani, Francesco D´Arcis und Amintore Galli an. Heute kennen Musikkenner nur bedingt Filippo Marchetti („Romeo e Giulietta“ und „Ruy Blas“ – zwei Opern mit großartiger Musik!!); es ist mir unverständlich, dass er in Vergessenheit geraten ist. Denn die Musik der beiden genannten Werke macht süchtig!

„Sieger“ wurde damals Pietro Mascagni mit seiner „Cavalleria rusticana“, gefolgt von Niccoló Spinelli mit „Labalia“ und Vincenzo Ferroni mit „Rudello“ – alle drei wurden im Mai 1890 in Rom auf die Bühne gebracht. 15 weitere Komponisten (Marco Enrico Bossi, Armando Seppelli, Mario Vitale, Umberto Giordano, Vittorio Baravalle, Daniele Napoletano, Ricco (hier ist nicht einmal der Vorname überliefert), Giulio Buzenac, Ausoni De Lorenzo, Vittorio Podesti, Raffaele Terziani, Giuseppe Calzolari, Ernesto Majani, Artuo Vanbianchi und Emilio Pizzi) bzw. deren Kompositionen wurden lobend erwähnt. Einzig und allein Umberto Giordano, damals mit „Marina“, ist dem interessierten Opernpublikum heute noch bekannt – allerdings nur mit einem einzigen Werk, seinem „Andrea Chenier“, der eigentlich nicht wirklich zum Verismo gehört. Aber zwei seiner Opern gelten als veristisch: „Fedora“ und „Siberia“.

Der dritte Wettbewerb wurde im Oktober 1892 angekündigt. 60 Opern wurden eingereicht. Der Jury gehörten u. a. Ruggero Leoncavallo, Giovanni Bolzoni und Amintore Galli an. 14 Komponisten wurden zum Vorspiel eingeladen, wobei diese Opern im Teatro La Fenice zur Aufführung gelangten; der erste Preis ging an Benvenuto Coronaro mit „Festa a Marina“. Sowohl die Sieger als auch die weiteren Erwähnten (Ernesto Majani, Filippo Brunetto, Vinzenco Gianferrari, Ugo Dallanoce, Agide Carrera, Giuseppe Cerquetelli, Ferrucio Cusnati, Giovanni Chimeri, Caro Sernagiotto, Emaneule Paolo Morello Ernesteo Luzatti und Giuseppe Miceli) sind heute alle unbekannt.

Der vierte und letzte Wettbewerb wurde im April 1902 ausgeschrieben – er war erstmals international. Die Jury bestand aus Jules Massenet, Asger Hamerick, Tomas Breton („La Dolores“ – Opera Espanola), Engelbert Humperdinck („Hänsel und Gretel“), Francesco Cilea, Cleofonte Campanini und Amintore Galli. 237 Einsendungen gab es zu beurteilen – also sehr viel Arbeit. Drei wurden am Teatro Lirico Internationale in Mailand aufgeführt, und zwar „Cabrera“ von Gabriel Dupont, „Manuel Mendenez“ von Lorenzo Filiasi und „Domino Azzuro“ von Franco da Venezia. „Il Cid“ von Ildebrando Pizzetti („Mord in der Kathedrale“) wurde nicht einmal erwähnt.

Nicht zu den Veristen zählt jedoch Giacomo Puccini, der sich sehr für die Kompositionen der Veristen interessierte. Am ehesten könnte man noch seine „Tosca“ dem Versimo zuordnen. Aber auch seine „Manon Lescaut“, seine „La Boheme“ und seine „Madama Butterfly“ kann man hinzurechnen. Und was ist mit seinem „Tabarro“, der in Paris spielt, seiner „La fanciulla del West“, die in den Staaten angesiedelt ist?

Unbestreitbar ist, dass Mascagnis „Cavalleria rusticana“ d a s veristische Werk ist. Der Einfluss dieser Oper auf Leoncavallos „I Pagliacci“ (allerdings 2-aktig!), Giordanos „Mala vita“ und Cileas „La Tilda“ ist unbestreitbar.

Ein ganz wichtiges Werk Cileas ist seine „Adriana Lecouvreur“, die für Primadonnen sehr begehrte Arien und Duette enthält; aber auch sie zählt nicht unbedingt als Verismo-Oper, trotz der dramatischen historischen Vorkommnisse. Von „La Tilda“ ist mir keine Aufnahme bekannt. Viele kennen seine „L´Arlesiana“- aber wer kennt seine großartige „Gloria“, die im Siena des 14. Jahrhunderts spielt? Diese beiden letzten genannten Werke muss man doch dem Verismo zuordnen.

Die „Cavalleria rusticana“ wurde Vorbild für viele Opern, die in der italienischen Provinz spielen, darunter eine „Santuzza“ von Oreste Bimboni, „Mala Pasqua“ von Stanislao Gastaldon, aber auch die „Cavalleria rusticana“ von Domenico Monleone.

Warum wagt sich kein Opernhaus daran, die beiden „Cavalleria rusticana“-Opern, jene von Pietro Mascagni und jene von Domenico Monleone an einem Abend gemeinsam auf die Bühne zu bringen. Denn auch jene von Monleone hat großartige Stellen – nur ist die von Mascagni so dominierend, dass offenbar keine andere „Cavalleria“ daneben Platz hat. Aber sicher wäre auch „Mala Pasqua“ von Gastaldon interessant!

Heutzutage ist es üblich, „Cavalleria rusticana“ und „I Pagliacci“ gemeinsam an einem Abend zu spielen. Und dabei hat ja Leoncavallo nicht nur diese eine „veristische“ Oper, nämlich „I Pagliacci“ komponiert. Zumindest eine weitere seiner Kompositionen muss als Verismo-Oper bezeichnet werden, nämlich seine im wahrsten Sinne des Wortes feurigen „Gli Zingari“! Eine derartige Koppelung könnte auch für das Publikum sehr interessant sein.

Überblickt man die auf Schallplatte oder CD aufgenommenen Verismo-Opern, findet man eine ganze Reihe von Komponisten, die hier „überlebt“ haben. Tragisch ist es, dass gerade der „Erfinder“ des Versimo, Pietro Mascagni, nur mit einer einzigen Oper wirklich angekommen ist. Wer kennt heute noch seine fernöstliche „Iris“ mit dem herrlichen Sonnenchor, wer seinen „Zanetto“, seine „Isabeau“, seine „Parisina“ oder seine „Amica“ mit dem überraschenden Kuhglockengeläut zu Beginn der Oper? Mascagni ist eigentlich zeitlebens seinem ersten großen Erfolg, der „Cavalleria“, nachgelaufen; er hat immer Neues und Interessantes, Unerwartetes in seinen Werken gebracht – aber der Erfolg blieb aus!

Der Deutsch-Italiener Ermanno Wolf-Ferrari hat seine Spuren hinterlassen mit seinem „I gioelli della Madonna“, aber auch mit „Sly“. Franz Schreker, geboren in Monaco, schenkte uns mit „Die Gezeichneten“ eine Versimo-Oper. Und was ist mit dem „Altösterreicher“ Erich Wolfgang Korngold? Die Oper „Violanta“ darf hier nicht unerwähnt bleiben!

Aber nicht nur in Italien hat der Verismo seine Spuren hinterlassen. Spiro Samara mit „La Martire“ in Griechenland, Gabriele Dupont mit seiner „La Cabrera“ und Gustave Charpentier mit seiner „Louise“ in Frankreich, sind zumindest auf CD verewigt. Charpentier hat zu seiner „Louise“ eine Fortsetzung geschrieben: „Julien“. Aber auch Jules Massenet war ein Verist mit „La Navarraise“.

Veristische Züge finden sich auch in Antonio Smareglias „Nozze istriane“ und in Alberto Franchettis „Germania“, seinem Hauptwerk. Franchetti hat aber auch zur 400-Jahr-Feier der Entdeckung Amerikas im Jahr 1492 einen „Cristoforo Colombo“ komponiert, statt Verdi, der sich damals schon zu alt dazu fühlte – und doch schenkte uns Verdi 1893 noch seinen „Falstaff“! Eigentlich hätte Franchetti die „Tosca“ komponieren sollen, hat das Libretto aber großzügiger weise an Puccini abgetreten. Was hätte wohl er aus der „Tosca“ gemacht?

Am Versimo hatte sich aber auch Franco Alfano mit „Rissurezione“ orientiert. Wer kennt Alfano? Oder doch? Hat doch er Puccinis „Turandot“ vollendet, fertiggestellt – und so selbst überlebt! Leider wissen die meisten nicht, dass er die „Turandot“ bis zum Schluss aufführbar gemacht hat. Aber auch Riccardo Zandonais „Conchita“ ist veristisch! Und seine „Francesca da Rimini“? Seine „Giulietta e Romeo“-Oper ist einfach interessant und überraschend! Und ein weiterer italienischer Verist ist Italo Montemezzi mit „L´Amore dei tre Re“!

Und es hat auch in Deutschland im Jahr 1893 einen Verismo-Opern-Wettbewerb gegeben – wer weiß das schon? Dem Namen nach bekannt sind nur zwei der 124 Komponisten: Josef Forster mit „Die Rose von Pontevedra“, Leo Blech mit „Aglaja“; aber auch Franz Lehar hatte mit seinem „Rodrigo“ teilgenommen – nur wurde er nicht weiter erwähnt! Und doch waren diese Kompositionen nur Plagiate des ursprünglichen Prototyps.

Sogar in Österreich gab es im Jahr 1896 einen internationalen Wettbewerb für einaktige Opern mit italienischem Libretto. Eingereicht wurden 193 Partituren, aber es wurde kein erster Preis vergeben. Nur ein Komponist, im Wettbewerb mit „Il Gladiatore“ vertreten, ist heute einigen wenigen Opernkennern ein Begriff, und das nur durch seine Oper „Chopin“, bei der er sehr viel Musik von Frederic Chopin eingearbeitet hat: Giacomo Orefice.

Eigenständige Lösungen im Verismo fanden weitere Komponisten, wie Eugen d´Albert mit „Tiefland“ und Max von Schillings mit „Mona Lisa“.

Die meisten Veristen stammen somit aus Italien, aber auch Frankreich, Spanien, Österreich, Deutschland und Griechenland haben ihren Anteil an dieser Stilrichtung.

Daten der genannten Komponisten:#

  • Franco Alfano, 1875 Posilippo – 1954 San Remo
  • Leo Blech, 21. 4. 1871 Aachen – 25. 8. 1958 Berlin
  • Tomas Breton, 1850 Salamanca – 1923 Madrid
  • Alfredo Catalani, 1854 Lucca – 1893 Mailand
  • Gustave Charpentier, 1860 Dieuze – 1956 Paris
  • Francesco Cilea, 1866 Palmi – 1950 Varazze
  • Eugene D´Albert, 1864 Glasgow – 1932 Riga
  • Gabriel Dupont, 1878 Caen – 1914 Vesinet
  • Franco Faccio, 1840 Verona – 1891 Monza
  • Josef Forster, 1838 Trofaiach – 1917 Wien
  • Alberto Franchetti, 1860 Turin – 1942 Viareggio
  • Stanislao Gastaldon, 1861 Turin – 1939 Florenz
  • Umberto Giordano, 1867 Foggia – 1948 Foggia
  • Engelbert Humperdinck, 1854 Siegburg – 1920 Neustrelitz
  • Erich Wolfgang Korngold, 1897 Brünn – 1957 Hollywood
  • Ruggero Leoncavallo, 1857 Neapel – 1919 Montecatini
  • Filippo Marchetti, 1831 Bolognola – 1902 Rom
  • Pietro Mascagni, 1863 Livorno – 1954 Rom
  • Jules Massenet, 1842 Montaud – 1912 Paris
  • Domenico Monleone, 1875 Genua – 1942 Genua
  • Italo Montemezzi, 1875 Vigasio – 1952 Vigasio
  • Giacomo Orefice, 1865 Vicenza – 1922 Mailand
  • Ildebrando Pizzetti, 1880 Parma – 1968 Rom
  • Amilcare Ponchielli, 1834 Paderno Fassolari – 1886 Mailand
  • Giacomo Puccini, 1858 Lucca – 1924 Brüssel
  • Sprio Samara, 1831 Korfu – 1917 Athen
  • Max von Schillings, 1868 Düren – 1933 Berlin
  • Franz Schreker, 1878 Monaco – 1934 Berlin
  • Antonio Smareglia, 1854 Pula – 1929 Grado
  • Giuseppe Verdi, 1813 Roncole – 1901 Mailand
  • Ermanno Wolf-Ferrari, 1876 Venedig – 1949 Venedig
  • Riccardo Zandonai, 1883 Sacci di Rovereto – 1844 Pesaro