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Das "Commersbuch der Wiener Studenten".#

Das über 600 Seiten starke, aus dem Jahr 1890 stammende studentische Liederbuch steht unter den Web-Books und kann dort durchgeblättert und gelesen werden. Das Inhaltsverzeichnis befindet sich am Ende des Bandes. Das Besondere an diesem Kommersbuch ist die starke Orientierung an Österreich, die das österreichische Vaterland auch bewusst in einen Gegensatz zu Deutschland stellt. Weit mehr als ein Dutzend Lieder sind betont österreich-patriotisch getextet (Seiten 1-99).

Klarstellung#

Anlässlich der Diskussion über Reste von Nazi-Gedankengut im Liedgut schlagender Burschenschafter hat es der katholische deutsche Studentenhistoriker Raimund Lang übernommen, einige auch im CV und MKV umstrittene Lieder zu kommentieren. Er schreibt dazu unter anderem:

Der studentische Gesang in ein herausragendes Merkmal der studentischen Verbindungen und neben dem Tragen der Farben der deutlichste Ausdruck des Gemeinschaftsgefühls. Er ist aber auch ein Kriterium des Geschichtsbewusstseins. Die moderne Korporation entstand vor etwa 200 Jahren und hat ihren Kulminationspunkt in der ethisch hochstehenden Urburschenschaft von 1815 bis 1819. Vieles, was Studenten singen, entstand aus dem Geist dieser Zeit und wird nur aus dessen Kenntnis verständlich.
Gewiss bedarf der aktive Umgang mit überkommenen Liedern einer sensiblen stilistischen und inhaltlichen Bewertung. Doch vieles vermag über Datumsgrenzen hinweg zu berühren und zu überzeugen. Ein verbandseigenes Liederbuch, wie ÖCV und MKV es seit 1951 gemeinsam herausgeben (seit 1984 auch zusammen mit den katholischen Landsmannschaften), kann dabei immer nur eine Offerte sein. Es bildet eine möglichst umfangreiche Sammlung von Liedern, die für die katholischen Korporationen in Frage kommen und aus dessen sie wählen können. Keineswegs kann das Liedgut der einzelnen Verbindungen vom Verband aus diktiert oder gar zensiert werden. Denn die Erhaltung einer individuellen Gesangstradition ist auch ein Charakteristikum jeder Verbindung.
Da in einer sich ständig verändernden Welt historisches Liedgut auch missverständliche Wahrnehmungen bewirken und folglich zu internem oder gar öffentlichem Meinungsstreit führen kann, soll im Folgenden auf einige Lieder eingegangen werden, deren Formulierungen, Metaphorik oder Rezeptionsgeschichte vielleicht Irritationen hervorzurufen vermögen. Grundsätzlich gilt immer, dass die Identifikation mit dem Gesungenen vom Verständnis seiner Sprache und seiner Gedanken abhängt.

Alles schweige

Das Lied, das in dieser Form 1772 von dem damaligen Studenten und nachmals bedeutenden Kieler Forstwissenschafter August Heinrich Niemann nach älteren Vorbildern in seine heutige Form gebracht und erstmals gedruckt wurde, begleitet die Zeremonie des „Landesvaters“ und leitet bei vielen Verbindungen auch den feierlichen Burschungsakt ein. Widerspruch erregt zunehmend der Text der dritten Strophe, vor allem deren Formulierung: „... Sterben gern zu jeder Stunde, achten nicht der Todeswunde, wenn das Vaterland gebeut.“
Diese bedingungslose Hingabebereitschaft auf dem Schlachtfeld ist angesichts der Geschichte des 20. Jh. und der Entstehung eines gesamteuropäischen Staatenbundes zweifellos anachronistisch und will deshalb schwer über die Lippen. Das zu singen bedeutet, ein Lied in seiner historischen Substanz zu achten und zu akzeptieren und seiner übertragenen Bedeutung – in diesem Fall Verteidigungsbereitschaft des Vaterlandes – durch den puren Originaltext gerecht zu werden. Das ist freilich keine dogmatische Forderung.

Auf Deutschlands hohen Schulen

Das Lied entstand 1872 und ist ein reiner Kneipulk. Abgedruckt wurde es erstmals in den „Fliegenden Blättern“. Die einzige politische Anspielung ist die Tatsache, dass die alten Germanen an „beiden“ Seiten des Rheines lagen, denn daraus spricht natürlich die damalige politische Doktrin vom Rhein als „Deutschlands Strom, nicht Deutschlands Grenze“. Dass der herbeiziehende Römer Tacitus seine „Germania“ quasi im Traum geschrieben habe, ist die bierehrliche Pointe daran und natürlich auch eine Ironisierung des humanistischen Bildungsstolzes.
Aus dem Lied entwickelte sich bald eine Textgestalt, die mit dem Vers „Es lagen die alten Germanen“ beginnt und nach dem Zweiten Weltkrieg mit zeitgenössischen Scherzversen erweitert wurde. In so einer Form wurde es auch ins „Österreichische Kommersbuch“ von 1984 aufgenommen (Seite 346). Dass dabei Tacitus mit dem Hitlergruß auftritt und als „Bruder der Achse“ begrüßt wird, ist unschwer als Satire erkennbar, wie auch das Auftreten von de Gaulle und Molotow. Diese Textfassung wurde vom Jugendliederbuch des Franziskanerordens übernommen und überdies mit einer klärenden Anmerkung kommentiert. Ins Kommersbuch von 2015 wurde diese Version nicht mehr übernommen sondern allein die Urfassung belassen, um zu vermeiden, dass ein und dasselbe Lied in zwei Varianten erscheint.

Burschen, heraus!

Der Text entstand in den 1820er-Jahren an der Universität Landshut und wurde vermutlich von dem späteren Professor für Mineralogie Franz von Kobell verfasst, der auch der Autor des beliebten bayerischen Volksstückes „Der Brander Kaspar schaut ins Paradies“ ist. Der Ruf „Burschen, heraus!“ erfolgte, wenn ein Kommilitone angegriffen wurde, und bedeutete für alle Studenten bei Strafe des Verrufs die Verpflichtung, mit der Waffe zu Hilfe zu kommen und den Ruf weiterzugeben. Der „Gang fürs Vaterland“ in der letzten Strophe ist in diesem Sinn zu verstehen: pro patria steht für die Farben des Bundes, womit dieser Text in Richtung von Duell und Mensur weist. Aus diesem Grund wurde im Kommersbuch auch die geänderte Version aus dem deutschen CV-Liederbuch wiedergegeben.

Denkst du daran, Genosse froher Stunden

Die Erwähnung des Juden, des „vielgeliebten Mannes“, in der dritten Strophe ist keine antisemitische Anspielung, sondern verweist auf den von den Studenten mehr benötigten als geschätzten Pfandleiher, bei dem man vorübergehend deponieren konnte, was man nicht kurzfristig benötigte, um solcherart das Bargeld für weiteres Kneipen zu erhalten. Da die mittelalterlichen Zunftordnungen nur Christen aufnahmen, stand der jüdischen Bevölkerung, so sie nicht über Grundbesitz verfügte, nur der Handel und der Verleih von Geld offen – ein Zustand, der bis ins 19. Jh. bestehen blieb.

Der Gott, der Eisen wachsen ließ

Ernst Moritz Arndts „Eisenlied“ von 1812 ist sicher kein Text, der auf heutige Kommerse passt. Aber die Melodie von Gottlieb A. Methfessel ist so schmissig, dass sie für viele Bundes-, Farben- und Kneiplieder Verwendung fand. Deshalb wurden die ersten drei Strophen des Originalliedes ins Kommersbuch von 1984 aufgenommen. Im Kommersbuch von 2015 finden sich zwar wieder alle Strophen, aber nur als Kontext zu der zwischenzeitlich entstandenen Parodie.
Zur „Ehrenrettung“ des martialischen Textes muss allerdings betont werden, dass er aus dem Widerstand gegen die von Napoleon erzwungene Waffenbruderschaft im Feldzug gegen Russland entstanden ist; dies ist vor allem in der zweiten Strophe zu erkennen. Der Kern des Liedes ist also keine Aufforderung zum Waffengang, sondern der Zorn über die Gefolgschaft der deutschen Fürsten im sogenannten Rheinbund. Arndt selbst, der Autor, verließ damals Deutschland und folgte einem Ruf des Zaren nach Sankt Petersburg.

Es lagen die alten Germanen...

Siehe dazu oben unter „Auf Deutschlands hohen Schulen“.

Hoch auf dem gelben Wagen

Die immer wieder zu hörende Denunzierung dieses Liedes als „Nazilied“ ist unzutreffend. Es handelt sich um ein Gedicht von Rudolf Baumbach, dem Dichter der „Lindenwirtin“, aus den 70er-Jahren des 19. Jh. Der Komponist allerdings war später NSDAP-Funktionär. Es ist ein reines Fahrtenlied, war als solches natürlich bei der Wandervogelbewegung im Schwange, ist naturgemäß auch von den Jugendorganisationen des Dritten Reiches gesungen worden und findet sich auch in einem Liederbuch der SPD. Inhaltlich enthält es nicht die geringste Bedenklichkeit. Im Gegenteil: Es gewann nach dem Zweiten Weltkrieg eine neue, breite Popularität, als der deutsche FDP-Politiker Walter Scheel, Außenminister unter Willy Brandt (SPD), es 1973 im Fernsehen sang und mit der davon produzierten Single wochenlang in den deutschen Charts blieb. Auch später als deutscher Bundespräsident wurde er mit diesem Lied identifiziert.

Ich hatt’ einen Kameraden

Ludwig Uhlands Gedicht „Der gute Kamerad“ von 1809 entstand unter dem Eindruck der Niederschlagung des Tiroler Aufstandes durch von Frankreich befehligte badische Truppen. Der Autor hatte in diesem Krieg Sympathien und persönliche Beziehungen zu beiden Seiten. Das Lied erfuhr von Anfang an verschiedene Deutungen und wurde daher für durchaus gegensätzliche Auffassungen zum Soldatentod in Anspruch genommen. Unbestreitbar bleibt, dass der Text – von Silchers Melodie feierlich unterstützt – sich jeder aggressiven Attitüde enthält und der Tragik des Geschehens mit Würde begegnet.

Schwört bei dieser blanken Wehre

Das Lied stammt von Rudolf Baumbach, dem Dichter der „Lindenwirtin“ und weiterer eher geselliger und romantischer Lieder. Es entstand für einen Liedwettbewerb der Wiener Studentenzeitschrift „Alma Mater“ und gewann dabei den ersten Preis. Es besingt den Wahlspruch der Urburschenschaft: Ehre, Freiheit, Vaterland! Dabei ist jedem dieser Begriffe eine Strophe gewidmet, und die Schlussstrophe mit dem gesamten Wahlspruch bildet den Abschluss. In der dritten Strophe ist das einleitende Wort „Österreich“ Originaltext (nicht „Vaterland“).

Sind wir vereint zur guten Stunde

Das Lied von Ernst Moritz Arndt entstand 1814 und wurde zum Gründungsakt der Jenaer Urburschenschaft 1815 vertont und gesungen; in der Folge war es deren Bundeslied. Es ist also ein korporationsstudentisches Kernlied. Im Urtext verwendet der Autor immer wieder das Wort „deutsch“, was damals so progressiv wie provokativ war und für die die deutschen Fürsten eine Provokation darstellte: die Forderung nach einem deutschen Nationalstaat. Die katholischen Korporationen Österreichs haben das Wort „deutsch“ nach den bitteren geschichtlichen Erfahrungen des 20. Jh. aus dem Text herausgenommen und durch andere Epitheta ersetzt.

Stimmt an mit hellem, hohem Klang

Es handelt sich hier um einen – wenngleich im frühen 19. Jh. bearbeiteten – Text des Dichters Matthias Claudius aus dem Jahr 1772/73. Claudius ist über jeden Verdacht nationalistischer Tendenz erhaben. Das ist der Grund, warum der Text unverändert übernommen wurde, also „der echte deutsche Mann“ in der Schlussstrophe unangetastet blieb.

Wenn alle untreu werden

Es ist wahrscheinlich das Lied im Kommersbuch, das am meisten skeptisch betrachtet wird. Das erklärt sich daraus, dass es von der SS als „Treuelied“ oder „Staffellied“ ritualisiert wurde und in deren Liederbuch gleich hinter dem Deutschlandlied und dem Horst-Wessel-Lied steht. Die Frage ist also: Darf man ein gutes Lied nicht mehr verwenden, nur weil es auch von den Nazis gesungen wurde?
Max von Schenkendorf, einer der großen Freiheitsdichter, schrieb es 1814 unter dem Titel „Erneuter Schwur“ und widmete es seinem Vorbild Friedrich Ludwig Jahn. In der Textform folgte er einer älteren Dichtung des Novalis, dem Gebet „Wenn alle untreu werden, so bleib ich dir doch treu“ von 1802.
Aus diesem Treuebekenntnis zu Jesus Christus formte er ein Bekenntnis zu den ins Wanken geratenen Idealen des Jugendbundes und eine Warnung vor der drohenden Resignation, die 1814 angesichts restaurativer Tendenzen spürbar wurde. Wenn der Dichter die liebe- und reuevolle Rückkehr zu den Quellen anmahnt, dann postuliert er eben das, was mit Ende des Jahres 1814 an mehreren Universitäten Gestalt annahm und schließlich von einer hoch motivierten Studentenschaft am Saaleufer vor Jena vollzogen wurde: die Gründung der Urburschenschaft.
Dass dieses die Konsequenz im Vollzug der Ideale fordernde Lied nicht nach seiner missbräuchlichen Verwendung durch nationalsozialistische Kerngruppen beurteilt werden sollte, beweist auch ein Bericht des ideologisch wohl unverdächtigen Literatur-Nobel¬preisträgers Heinrich Böll. Er beschreibt in seinem autobiographischen Roman „Was soll aus dem Jungen bloß werden“ von 1981, wie er Mitte der 30er-Jahre mit seinem Freund Caspar Markard, der zuvor wegen „kommunistischer“ Äußerungen aus dem Gymnasium geworfen worden war, während eines Schulungslagers bei Völklingen in der Jugendherberge „Wenn alle untreu werden ...“ anstimmte, um damit gegen das von der HJ gegrölte Horst-Wessel-Lied anzusingen. Angesichts heutiger Verunglimpfungen dieses Liedes als Nazi-Lied ist diese Episode durchaus bemerkenswert.

Wildgänse rauschen durch die Nacht

Auch dieses Lied verdient, nach seiner Ethik, nicht nach seinem Missbrauch bewertet zu werden. Walter Flex, der während des Ersten Weltkriegs fiel, schrieb es 1916 in seinem Roman „Der Wanderer zwischen beiden Welten“ und wurde durch die Wandervogelbewegung und die Bündische Jugend nach dem Krieg weiter gesungen. Dass der Kriegstod des Dichters vom nationalsozialistischen Staat verherrlicht und instrumentalisiert wurde, ändert nichts an der verinnerlichten Wahrnehmung, ja Melancholie, die aus den Versen spricht. Die bittere Erkenntnis, dass „die Welt voller Morden“ sei, kann wohl kaum als kriegsverherrlichend gelten.

Wo Mut und Kraft

Auch für dieses Lied gilt, dass seine Melodie für viele spätere Lieder übernommen wurde, weshalb der Urtext zum studentenmusikalischen Erbe gehört. Als solches ist er eher als „Leselied“ denn als lebendiger Cantus einzuordnen. Er entstand in der Dresdner Studentenschaft im Juni 1815 als Huldigung für den sächsischen König Friedrich August I. zum Anlass seiner Rückkehr nach preußischer Haft und Demütigung auf dem Wiener Kongress.