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Rudolf Meer (Graz/Austria)#

Immanuel Kant und die Herausforderung einer sich selbst aufklärenden Vernunft#

Immanuel Kant beginnt die Kritik der reinen Vernunft in der ersten Auflage von 1781 mit folgender Feststellung: „Die menschliche Vernunft hat das besondere Schicksal […]: daß sie durch Fragen belästigt wird, die sie nicht abweisen kann; denn sie sind ihr durch die Natur der Vernunft selbst aufgegeben, die sie aber auch nicht beantworten kann, denn sie übersteigen alles Vermögen der menschlichen Vernunft.“ (A VII) Bemerkenswert ist dabei, dass sich diese Feststellung nicht am Ende des Buches quasi als Ergebnis einer kritischen Untersuchung findet, sondern als Ausgangspunkt dient. Das „Bewußtsein meiner Unwissenheit“, formuliert Kant in der Transzendentalen Methodenlehre diesen Aspekt erläuternd, ist, „statt daß es meine Untersuchungen endigen sollte, […] vielmehr die eigentliche Ursache, sie zu erwecken.“ (A 758/B 786) Das Unwissen liegt damit – entgegen einer philosophischen Tradition im Anschluss an Platon – am Anfang und nicht am Ende des Philosophierens.

Die Kritik der reinen Vernunft wird damit zum Manifest der Aufklärung und ihre Anfangspassage ist an subversiver Kraft kaum zu überschätzen. Kant schließt sich darin erstens der an der Aufklärung geübten Kritik an Thron und Altar an, indem er den Menschen als Vernunftwesen bestimmt, welches durch Fragen belästigt wird, für welche das scheinbare Wissensmonopol und die Machtansprüche externer Autoritäten zu kurz greifen. Zweitens versteht Kant den Prozess der Aufklärung nicht nur als Ankurbelung der Bewegung hin zu mehr Wissen und Fortschritt oder als Forderung nach mehr Toleranz, mehr Emanzipation etc., sondern als Kritik an der Vernunft – ihrer Grenzen und Möglichkeiten (B 25). Der kritische Anspruch Kants richtet sich demnach auch gegen die Aufklärung selbst, wodurch ihr Prozess selbstreflexiv (Hutter, 2009, 72) wird (Allison, 2012, 230; Ferrone, 2013, 28f.; La Rocca, 2011, 103f.).

Im Zentrum des Vortrags steht die Frage, inwiefern es Kant gelingt, im Rahmen der Kritik der reinen Vernunft einen Vernunftbegriff zu konzipieren, der mit den kritischen Ansprüchen der Aufklärung in Einklang zu bringen ist: Wie kann die Vernunft der oberste Prüfstein aller Rechte und Ansprüche sein, ohne dem von Kant an die alten Vormünder gerichteten Vorwurf des Despotismus ausgesetzt zu sein? An dieser historischen Entwicklung der Problemstellung hängt damit auch die Frage der Rolle von Aufklärung heute sowie ihre Funktion in Wissenschaft und Erziehung. Der Vortrag folgt dabei einem Aufbau in vier Teilen: In Kapitel eins wird Kants Vernunftkonzeption skizziert, um daran anschließend in Kapitel zwei die Problemstellungen einer Aufklärung der Aufklärung zu thematisieren. Kapitel drei wird – ausgehend vom Stand der Forschung und mit besonderem Bezug auf O. O’Neill (1989, 1992 und 1996) – Kants Lösungspotenzial dieser Fragestellung entwickeln und diskutieren, um in einem abschließenden Teil in Form eines Resümees Konsequenzen und Herausforderung daraus zu ziehen.