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Tagebücher158
die geduld der leute nicht, in solch einem lebensgefährlichen gedränge 3–4
Stunden zu stehen, um – wenig oder nichts zu sehen; besonders aber wun-
derte mich die kühnheit der damen, sich durch all dieß getümmel durch zu
wagen, mit augenscheinlicher gefahr ihrer toiletten und ihrer Züchtigkeit.
endlich nach 2 stündigem warten erschien der Papst, und die große messe
ging an; ganz wie andere große Messen sonst wo; das Beste hierbey war, daß,
da unsere diplomatie erschien, wir auch auf ihrer tribune Platz nehmen
konnten, wo ich mich dann für das lange stehen entschädigte; nach been-
digter Messe war die Grablegung in der Capella Paolina; das diplomatische
corps, einige wenige Begünstigte, darunter ich, und die anwesenden hohen
herrschaften, natürlich, don miguel, die königin Wittwe von sardinien, die
herzogin von cambridge, und der erbgroßherzog von mecklenburg, sammt
gefolge, eilten voraus, daselbst unsere Plätze einzunehmen, und bald darauf
erschien der Papst sammt den Cardinälen in feyerlicher Procession; dieser
moment war imposant, der erste welcher meinen erwartungen vollkommen
entsprach; die superbe Capelle, die magnifique Ausstattung und Beleuch-
tung derselben, der cortège und die glänzende versammlung, Alles das war
superbe. diese function dauerte nur sehr kurz, und wir eilten dann Alle auf
die gallerie am Petersplatz, links der kirche, um den päpstlichen segen,
Urbis et Orbis, zu sehen; der Papst erschien in vollem Ornat auf dem Thron
sitzend in dem mittelfenster ober dem hauptthore der kirche und segnete
unter beständigem kanonendonner und trommelwirbel das versammelte
volk, die stadt und die 4 Weltgegenden. das knieende volk auf dem Platze,
Alles mit entblößtem haupte, die vielen knieenden truppen, der lärm, der
gesang etc., Alles zusammen war sublim. hierauf wurden von oben herab
indulgenzen unters volk geworfen, und wir gingen Alle in die kirche hinun-
ter und nahmen auf der diplomatischen tribune Platz, um die fußwaschung
zu sehen; bald nach uns erschien der Papst und nahm nach den gewöhn-
lichen gebethen an den anwesenden, weiß gekleideten 13 (mich wunderte
diese Zahl) Pilgern, welches lauter geistliche verschiedener nationen sind,
diesen Ackt vor. vor dessen Beendigung gingen wir Alle in den zum Bankett
für eben dieselben Pilger vorbereiteten saal im vatican, wo aber ein womög-
lich noch ärgeres Gedränge war, als früher in der Sixtina; einigen Menschen
wurde übel, und wir mußten ihnen, von der diplomatischen tribune herab,
Riechfläschchen etc. den Damen reichen [sic]; andere zankten und prügelten
sich beinahe, und wir mußten uns zeitweise mit aller kraft gegen die bar-
rière stemmen, damit diese von der Menge unten nicht eingedrückt werde;
kurz es war eine scene der unglaublichsten confusion, und Alles schwur,
nie mehr zur charwoche hieher zu kommen, und ich selbst stimmte ein, weil
ich die fatigue des stehens, in aller früh in uniform seyns, etc. nicht hinrei-
chend compensirt finde; dieses Mahl, vom Papst bedient, dauerte ziemlich
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien