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rium, und dessen thüren wurden geöffnet, so daß ich ganz bequem hinein
spazierte und darin überflüssig genug Platz fand; jedoch waren die vorder-
sten reihen besetzt, die hintern stiegen auf stühle, so daß ich gar nichts sah,
bis ich endlich ebenfalls einen Stuhl nahm; da sah ich dann die Tauf-Cere-
monie ziemlich gut; es war ganz wie andere Taufen, nur etwas pompöser,
ein Jude und 3 Jüdinnen, sämmtlich von ziemlich zweideutigem Aussehen,
waren die dießjährige Ausbeute des Katholicismus; Taufpathen waren der
Botschafter von Frankreich und seine Frau; das Ganze war eine Mummerey
wie das meiste, was ich bisher hier gesehen habe, dauerte aber nicht sehr
lange, worauf wieder en procession in die Kirche gegangen wurde; dort war
abermals hochamt, Procession, wobey die convertiten promenirt wurden,
Predigt, etc. mich ennuyirte all das Zeug, und ich ging statt dessen die kir-
che ansehen, die eigentliche domkirche roms und hauptkirche der chri-
stenheit; Mater et caput ecclesiarum nobis et orbis, so ist ihr Titel;1 sie ist
beinahe so groß als die Peterskirche; die Capelle Corsini ist superbe, die Kir-
che ist aus dem ehemaligen Pallast constantins gebaut und von diesem kai-
ser gegründet, so wie auch der daran stoßende päpstliche, jedoch jetzt unbe-
wohnte Pallast; von dem Platze vor ihrer façade, auf welchem Roms größter
obelisk steht, hat man die herrlichste Aussicht auf die Aquäducte des clau-
dius und des nero, das grab der cecilia metella, etc. Auf demselben Platz
ist die scala santa, nähmlich die stiege im hause des Pilatus, welche unser
Heiland hinaufstieg, ein Geschenk irgend eines Sultans an den Papste; sie
ist mit holz bedeckt, und die gläubigen steigen sie kniend hinauf. ich wollte
auch den kirchhof sehen, worin eine menge reliquien aus der Passions ge-
schichte aufbewahrt werden, als der stein worauf um Jesu kleider gewürfelt
wurde, der tisch des letzten Abendmahles, etc., es war aber verschlossen.
Wir fuhren dann in die kirche san Pietro in vincoli, wo ganz im freyen,
ober dem Gitter des Eingans, die Ketten des heiligen Petrus hängen; darin
ist ein superbes grabmal Julius ii., der moses von michelangelo, endlich
eine sehr schöne magdalena von guercino.
dann fuhr ich allein in den vatican, welchem ich den heutigen tag wid-
men und Alles nochmals genauer besehen wollte, weßhalb ich auch den Wa-
gen um 2 Uhr wieder bestellte; als ich aber an den Eingang kam, hörte ich
zu meinem großen verdrusse, es sey heute, und zwar bis dienstag, für Je-
dermann ohne Ausnahme geschlossen; so muß ich denn von Rom weg und
habe dessen Perle, den Vatican, nur höchst flüchtig gesehen; ce sera pour
une autre fois; für jetzt ging ich in die Bibliothek des Vaticans, die ich noch
nicht gesehen hatte; die immensen, magnifiquen Säle sind wirklich imposant
1 die inschrift über dem haupteingang lautet „sacrosancta lateranensis ecclesia omnium
urbis et orbis ecclesiarum mater et caput“.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien