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Tagebücher164
die Verstoßung der Hagar durch Abraham; er hat die erste Manier Raffaels,
gian Bellino’s, Peruginos etc. zu vorbildern gewählt, was auch ganz zu sei-
ner Persönlichkeit paßt; überhaupt erschien mir der ganze Mann so harmo-
nisch, so abgeschlossen in und mit sich, daß es mir unendlich wohl that.
dann fuhr ich in das Atelier des schon seit 2 Jahren abwesenden thor-
waldsen, wo ich die modelle einer großen, superben gruppe sah, die in co-
penhagen existirt, die Predigten Johan Baptists vorstellend mit sehr vielen
Zuhörern in verschiedenen Stellungen; so auch eine Gruppe: Christus mit
den Aposteln. dann besuchte ich das Atelier des Bildhauers Bieracini, wo ich
einige sehr schöne Sachen sah; eine liegende Bachantin, superbe, ein über
den Tod ihrer Taube trauerndes Mädchen, eine Venere Vincitrice; auch hier
sprach ich mit dem künstler selbst, dessen erläuterungen und erzählungen
mir Alles doppelt interessant machten. hierauf flanirte ich etwas herum,
aß mit tiesenhausen und karaczonji und fuhr dann mit ihnen in die kirche
sant ignazio, wo große function seyn sollte, die jedoch schon vorbey war.
Nach 9 Uhr fuhr ich zu Ludolf; da war ziemlich großer Rout, und was das
Merkwürdigste ist, ziemlich amusant, wenigstens fand ich es so; ich trieb
mich gegen meine gewohnheit viel herum, war sehr brillant und ging erst
um 12 Uhr fort. Ich sprach Gusti Szapary, die vorgestern von Neapel kam;
die arme frau! was war sie schön! und machte lange meiner kleinen herzi-
gen miss galveston die cour, etc.
meine Abreise ist decidirt: montag 12 uhr Abends mit tiesenhausen nach
florenz. heute las ich eine Proclamation des eminentissimo cardinal vi-
cario, contro la bestemmia, gegen das fluchen, etc. Was sind das doch für
leute! gott erbarme sich der regierung, und mehr noch des landes!
[rom] 11. April ostersonntag
heute früh vor 9 uhr fuhr ich mit karaczonji in uniform in die Peterskirche
und hatte da gleich einen strauß zu bestehen, da gräfin goës mit teufelsge-
walt auf die diplomatische tribune wollte, und sich deßhalb an mich wandte
und wollte, ich solle sie dahinein schwärzen; ich zog mich aber so gut wie
möglich heraus, und ihr Wunsch wurde bald darauf durch Litta erfüllt; diese
alten Weiber sind unausstehlich.
das hochamt wurde mit vielem Pompe vom Pabst celebrirt, und wir hat-
ten wieder unsere Plätze hinter den cardinälen und neben der diplomati-
schen Tribune; nach dessen Beendigung eilten wir Alle mit dem diploma-
tischen corps auf die uns reservirte gallerie, um wie am donnerstag den
päpstlichen segen zu hören. hier half ich dießmal mit vergnügen gusti sza-
pary durch, und an einen guten Platz; ich selbst hatte Anfangs einen vor-
trefflichen, mußte ihn aber später damen abtreten, sah aber doch ziemlich
gut; die Scene selbst war wie am Donnerstag, nur noch bey weitem imposan-
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien