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April 1841
ter, da viel mehr Menschen versammelt und mehr Militär aufgestellt war;
der Pabst segnete heute nur Ein Mal; ergreifend war besonders der Moment,
da der Pabst am Balcon erschien, und trotz der versammelten tausende eine
so lautlose stille eintrat, daß man die fontainen plätschern hörte, dann die
Unzahl Equipagen im Hintergrund des Platzes; der ganze Coup-d’air war
sublime.
nachher gingen wir mehrere auf den Platz hinab und ließen die abzie-
henden truppen défiliren (was auf die jämmerlichste Weise von der Welt
geschah, ausgenommen die Jäger, welche passable aussahen), sprachen
lange mit dem commandirenden general, der uns salutirte, kurz, machten
uns sehr patzig und hätten bald die ganze päbstliche Armee in confusion
gebracht; auf jeden Fall zogen wir mehr die allgemeine Aufmerksamkeit an
als truppen und feldherr.
gegen 1/2 2 uhr war ich zu hause, und mein nächster gang war wie ge-
wöhnlich zum café du bon gout. von da fuhr ich mit kar[aczonji] in die villa
Borghese, hoffend viele Leute dort zu finden; es war aber ganz leer und fing
zudem an, ein wenig zu regnen, so kehrten wir also um und besahen uns, um
die Zeit zu tödten, einige kirchen, und zwar erstlich die di santa maria del
Popolo mit einigen werthvollen gemälden und der schönen capelle chigi,
dann Sant Andrea delle Valle mit einer superben façade und überhaupt
von einer herrlichen Architectur; darin sind 4 suberbe Fresken von Domini-
chino, die leidens geschichte des heiligen Andreas etc. vorstellend, endlich
sant Agostino mit einer wunderthätigen madonna, welche die ganze kirche
mit votivtafeln, kleinen elenden Bildern und silbernen herzen und Beinen
ausgestattet hat; darin ist eine magnifique fresko von Raffael, der Prophet
isaias, dann einige gemälde von guercino, etc.
ich fuhr hierauf nach hause, machte toilette und ging mit tiesenhausen,
der zu mir kam, zu casimir Bathiany aux iles Britanniques, wo wir in 4 (ka-
raczonji und wir) recht gut dinirten; gegen meiner Erwartung war Gusti Sza-
pary nicht dabey,1 sondern wir begegneten sie auf der stiege, als sie zu steffi
karolji zum essen fuhr. kaum den löffel aus dem mund genommen, holte
ich litta ab und fuhr mit ihm nach san Pietro, um die berühmte illumina-
tion des Platzes zu sehen; es war eine endlose Wagenreihe, und als wir anka-
men, war kirche und collonaden architectonisch mit lämpchen beleuchtet
(der sogenannte Merletto), was sich magnifique machte; plötzlich änderte
sich diese Beleuchtung, und Platz, kirche, kuppeln und Arcaden waren ta-
geshell in Zeit einer halben minute mit tausend Pechpfännchen wie mit Zau-
berschlag erhellt; das war ein magischer Augenblick und eine ganz feenhafte
1 Die Ehe von Gräfin Auguste mit Anton Szapary wurde 1847 geschieden, worauf sie ihren
langjährigen geliebten graf casimir Batthyány heiratete.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien