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Tagebücher168
lange kein haus, kein dorf, ganz wie man sich die campagna romana vor-
stellt, nur bey otricoli sind einige schauerlich schöne felsenschluchten und
ausgebrannte Vulcane; zudem hie und da alte und neue Ruinen, denn das
land scheint verlassener als je zuvor.
gegen 3 waren wir in terni, aßen da und fuhren trotz des imminenten
regens, welcher uns auch bald darauf ereilte, zu der 4 miglien entfernten
Cascade der Vellino; diese aber ließ unsere Erwartungen hinter sich, beson-
ders wegen der geringen Wassermasse der Cascade; das einzige wirklich im-
posante ist die tiefe, in welche die vellino fällt, so daß sie, chemin faisant,
zu einer Masse Staub wird, und gleichsam Staubwolken davon aufsteigen;
bey sonnenschein sollen sich da millionen kleiner und größerer regenbögen
formiren, was sehr schön seyn muß.
um 7 uhr verließen wir terni und fuhren abermals die nacht durch,
spottschlecht wie bisher, und was besonders ärgerlich war, waren die ewigen
Zänkereyen mit den Posthaltern, welche immer statt 3, 4 Pferde vorspannen
wollten, sodaß wir auf jeder station schimpfen und schreien mußten. Wir
traversirten ohne uns aufzuhalten in der nacht spoletto und foligno und
waren gegen 7 Uhr früh in Perugia; wir hatten hier viel Berge zu passiren,
so daß wir zuweilen ochsen vorspannen mußten.
in Perugia, welches sehr schön gelegen ist und eine ansehnliche stadt
mit großen Pallästen ist, frühstückten wir, konnten aber des regens wegen
keine ihrer Merkwürdigkeiten besehen; kaum waren wir aber weg, so wurde
es schön, und wir hatten nun die angenehmste fahrt durch die schönste,
freundlichste gegend von der Welt, welche, als wir nach toscana kamen,
immer lachender, blühender und bewohnter wurde. Wir fuhren längs des
lacus trasimenus fort, passirten dank sey es dem lascio passare, welchen
lützow mir gegeben hatte, ungehindert die toskanische gränze, hatten auf
der ersten toskanischen station camuscia den letzten, aber heftigsten Zank
wegen der Pferde, und kamen dann um 6 uhr nach Arezzo, wo wir speisten,
und dann weiter und wieder die nacht durch fuhren zu meiner großen unbe-
haglichkeit und fatigue. Auf einer station machte sich unser drittes Pferd los
und lief davon, der Postillon nach um es zu fangen, so daß wir in der nacht
eine gute halbe stunde allein auf der straße standen. endlich um 8 uhr
früh kamen wir gestern durch das liebliche Arnothal in florenz an und stie-
gen im Hotel du Nord ab; es wurde 12 Uhr, bis wir genährt, gewaschen und
gereinigt waren, und hierauf ging ich zu unserer gesandtschaft, besuchte
unseren legations-commis, Baron metzburg, und bestellte mir gleich einen
Platz nach mantua bey dem österreichischen gesandtschafts-courrier, wel-
cher dienstag Abends von hier abgeht.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien