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1751.
Mai 1841
im hause fand ich eine menge Briefe, u.a. von gabrielle, welche mir mel-
det, sie ginge nicht mit dem hofe nach Wien, wohl aber auf ihre eigene faust
nach Böhmen; wieder eine Amabilität der alten, gelben milz- und eifersüch-
tigen erzherzogin, welche Alles mögliche versucht, ihr Possen zu spielen,
zum glücke aber bey dem herrlichen temperament gabrielle’s ihre Absicht
stets verfehlt.1
später ging ich in meine liebe scala und nahm wieder von meiner mir
so theuer gewordenen gouverneursloge, nur mehr auf wenige tage, un-
umschränkten Besitz; die Oper war schlecht, die Luzer unausstehlich, da-
gegen aber das Ballet niobé charmant, und ich sah darin meine flamme
d’autrefois, die Pirovano, wieder, welche über meinen unvermutheten An-
blick erröthete und etwas aus der Fassung kam; übrigens soll sie mit Me-
rante die süßigkeiten des ehestandes anticipiren, sagt man.
im theater erfuhr ich durch die husaren, daß mein Bruder gottfried ohne
irgend Jemand Zuthun und Wissen zum leutnant bey sardinien husaren,
welches in Cremona liegt, ernannt sey; das freut unendlich, weil ich ihn wie-
dersehen werde; auch finde ich diese unerwartete Beförderung sehr schmei-
chelhaft für ihn.
[mailand] 1. mai
Heute wird Graf Spaur hier erwartet; er empfing in Verona gestern die Kai-
serin, welche im strengsten incognito nach modena reist, und kommt von
dort directe hieher; seine Familie kommt in einigen Tagen nach.
Vorgestern verließ der Hof Venedig, um nach Wien zu gehen; Gabrielle
reiste am selben Tag ab ebenfalls nach Wien und von da nach Böhmen;
sie ist glücklich über die Freyheit, was ich auch sehr wohl begreife; Gott-
fried kömmt also hieher, wann, das weiß ich aber noch nicht, freue mich
unendlich, den Burschen seit 8 Jahren wieder zu sehen, doch wird ihn der
obrist Palffy, ein vollkommener dienstesknopf, wohl nicht sehr freund-
lich empfangen, denn er soll über diesen Protectionsstreich ungehalten
seyn.
Hier ist es jetzt magnifique und leider schon warm wie im July; ich bin
ganz wieder in meinem vorigen Leben, als wäre ich nie weg gewesen; nach
und nach hoffe ich, hier immer angenehmer zu leben, je mehr ich mich den
hiesigen eingeborenen nähere und von der rittmeister und obersten cotte-
rie wegwende, welche einen unauflösbaren knäuel formiren und überall im-
mer zusammen stehen wie Schafe im Ungewitter; nach und nach macht sich
das, und ich hoffe, nach einiger Zeit mich gerade soviel als es noth thut und
1 Zu den Problemen seiner schwester gabrielle mit erzherzogin elisabeth, der gattin des
vizekönigs rainer, vgl. auch eintrag v. 11.1.1841.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien