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18116.
Juni 1841
nams Procession führen, welche er aber verschlief, und setzte ihn endlich
gestern gegen 12 uhr in den Wagen, worauf der arme teufel ganz traurig
abfuhr; übrigens erwarte ich ihn sehr bald zurück.
Gestern speiste ich bey Spaur mit Mlle Taglioni und ihrem Vater; sie en-
chantirte mich so wie auf der Scène, so auch im Salon; es ist unmöglich mehr
comme il faut und de bonne compagnie zu seyn, als sie es ist. samstag tanzt
sie das letzte Mal und geht am Sonntag fort; es wird mir ordentlich traurig
zu Muthe, wenn ich daran denke; denn es ist in ihrem Tanze, in ihren Bewe-
gungen und in ihrem mienenspiel eine Poesie, welche mich ebenso entzückt
wie die schönste musick und der herrlichste gesang. diese tage sah ich hier
meinen alten universitätsfreund lilienberg und einige Bekannte aus rom,
geimüller, Borkowsky, etc.
monza 16. Juni
hier bin ich seit gestern und befinde mich wohl wie ein fisch im Wasser, lei-
der hat die herrlichkeit bald ein ende, morgen muß ich wieder fort und nach
mailand zurück, da ich dort niemandem etwas von meiner escapade gesagt
habe; dagegen nehme ich mir vor, diese Ausflüge sehr oft zu wiederholen,
und bin sogar eben begriffen, eine kleine sommerwohnung hier zu nehmen,
wo ich dann mittelst der eisenbahn beinahe jeden tag hier seyn und man-
chen Tag auch ganz hier zubringen kann;1 es ist hier so schön, die luft so
erquickend und die spaziergänge besonders in dem erzherzoglichen Park so
angenehm, daß ich mich ordentlich aufleben fühle; ich wohne in einem klei-
nen Wirthshaus dicht an der orangerie des schlosses, zwischen lauter Bäu-
men, eine charmante situation, wo man auch recht gut ißt, wo ich aber doch
auf die länge nicht bleiben könnte, weil sehr wenig Platz, ein beständiger
lärm und zudem durchaus kein comfortables Zimmer ist.
ich bin gestern und heute viel spazieren gegangen, besonders im Parke,
die übrige Zeit bin ich zu Hause gesessen und habe gelesen; wie viele kost-
bare Zeit geht in mailand mit hin und herlaufen, flaniren, nichtsthun und
der langweiligen scala, wo man sich dabey noch zum sterben ennuyirt, und
mit dem gottverfluchten Bureausitzen verlohren, wo man in einer stunde
oft Alles abthun könnte, aber schandenhalber noch ein paar stunden län-
ger, und zwar gerade die besten des tages müßig drin sitzen muß! hier ist
jede minute mein, und welches könnte am ende eines menschenlebens das
resultat sämmtlicher so versplitterter stunden seyn. dieß ist ein gedanke,
der mich unaufhörlich begleitet und quält, seit ich denke und an meiner
eigenen Erziehung arbeite; ihm habe ich aber auch vieles zu verdanken, daß
1 die 13 km lange eisenbahn von mailand nach monza war am 17.8.1840 feierlich eröffnet
worden.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien