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„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ - Tagebücher 1839–1858, Band I
Seite - 182 -
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Tagebücher182 ich, wie wahrscheinlich nicht viele, mit meiner Zeit gegeitzt und sie benützt habe. Auch eine menge anderer kleinlichkeiten und erbärmlichkeiten fühle ich mich los geworden, so wie ich Mailand hinter mir habe; jeder stabile Auf- enthalt, vielleicht selbst die grandiosesten der Welt, z.B. Paris, london, etc. nicht ausgenommen, hat auf die länge etwas kleinstädtisches, spießbürger- liches, Beengendes an sich, welches sich einem unwillkürlich wie Bley an die Schwingen des Geistes hängt; Napoleon selbst, hätte er wo als Particulier gelebt, wäre dem nicht entgangen; und dagegen kann nichts helfen als zeit- weise déplacirung. und vollends bey mir, da ich meine langweilige geist und interesselose gesellschaft bey cova, die ich aber auch sonst überall antreffe und die zur hälfte aus troupiers, zur hälfte aus surannirten coulissen-hel- den besteht, schon so müde und satt geworden bin. o diogenes, finde mir ei- nen menschen! es ist ein wahrer fluch, der auf mir lastet, daß ich nie einen menschen, nie eine gesellschaft finden soll, die mich wahrhaft interessirt, und traf ich jemals etwas dem ähnliches, so war es blos im fluge, so daß ich mich ohne unbescheidenheit fragen kann: Wer ist der mensch, von dem ich etwas gelernt habe? ich bin also entschlossen, einen großen theil dieses sommers zwischen mailand und mantua zuzubringen, in monza aber mein studienkabinet auf- zuschlagen und mich da für alle die verlohrenen stunden zu entschädigen, welche Mailand auf dem Gewissen hat; nur so kann ich endlich dasjenige zur Vollendung bringen, woran ich schon so lange arbeite; in der Stadt, wo mich bald dieß bald jenes stört, wo ich nie auf eine ununterbrochene 1/2 stunde rechnen kann, wird dieses nie geschehen. Vorgestern brachte ich den Abend recht angenehm bey Spaur zu; es war niemand da als der erzherzog carl [ferdinand] und sein neuer Adjutant und dienstkämmerer noptsa, by the by eine höchst mirobolante Wahl, denn noptsa ist ein recht guter Bursche, hat aber auf eine solche stelle durchaus keinen Anspruch als den, Julie samoyloffs liebhaber gewesen zu seyn, wenn das ein Titel ist, Salm und ich, und zuletzt blieben wir allein; solch ein ge- müthliches geschwätz und chit-chat thut einem zuweilen wohl und geht be- sonders in mailand ab. resi spaur, die eine Art von sentimentaler blue-stok- king und romanesque freiheits-heldin ist, brachte mich dazu, daß ich ihr eine ordentliche vorlesung über die heutigen politischen Zustände deutsch- lands, über heine, Börne, menzel, das junge deutschland, etc. hielt und ihr zuletzt versprach, ihr ihre Werke zu schicken; eine erbauliche lecture für die tochter eines k.k. österreichischen gouverneurs! übrigens werde ich ihr das unverfänglichste aussuchen, und eine halbe ignoranz ist in solchen dingen ärger als die Erkenntniß; denn sie exhalirt sich in vaguen und eben darum höchst ennuyanten phrasen.
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„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ Tagebücher 1839–1858, Band I
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Titel
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Untertitel
Tagebücher 1839–1858
Band
I
Autor
Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
Herausgeber
Franz Adlgasser
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2011
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC-ND 4.0
ISBN
978-3-205-78612-2
Abmessungen
17.0 x 24.0 cm
Seiten
744
Schlagwörter
Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
Kategorie
Biographien

Inhaltsverzeichnis

  1. Vorwort (Ffritz Fellner) 9
  2. Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg (1813–1858) – eine Lebensskizze 11
  3. Überlieferung der tagebücher 37
  4. Editionsrichtlinien 41
  5. Tagebücher 1839–1847 43
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