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1858.
Juli 1841
tage zu früh aus, so daß ich am 1. dieses monats, nähmlich vergangenen
donnerstag, bereits eine weit vorgeschrittene entzündung und ein heftiges
Fieber fühlte; Freitag Früh ließ ich den Artzt holen, welcher mir gleich nach
echt italiänischer manier einen Aderlaß (den 1. in meinem leben), dann
tags darauf 12 Blutegel und dann noch weiß gott welche Quacksalbereyen
verordnete; Freitag und Samstag lag ich im Bette mit einem Fieber, wel-
ches besonders am ersten Tag sehr heftig war; der Artzt sagte, es sey eine
allgemeine innerliche Erhitzung; seitdem liege ich den ganzen Tag auf dem
Canapé, sehr schwach, darf fast nichts essen, etc., kurz ein wahrer Lazarus;
indessen ist meine gute freundin tony esterhazy hier gewesen und heute
fort, ohne daß ich sie sehen konnte, was mir sehr leid tat. der könig von
Würtemberg ist ebenfalls auf der durchreise nach livorno hier.
Mir war besonders in den ersten Tagen ganz kleinmüthig zu Muthe; das
fieber, die langeweile, die Perspective, noch so lange zu hause sitzen zu
müssen, thaten das; auch jetzt noch wird mir die Zeit oft lang, besonders
Abends, da ich zu schwach bin, um mich lange anhaltend mit etwas zu
beschäftigen; freylich habe ich Besuche, aber die freye Luft, die fehlt mir;
könnte ich nur nach como, lago maggiore, etc.! mein einziger trost ist der
gedanke an mein Paradies, an meine schweitz, wo ich jedenfalls heuer hin
gehe; mein Haus ist bestellt, meine Pferde sind verkauft, mein Kutscher
wird heute entlassen, etc. Alles ist in ordnung.
[mailand] 8. Juli
Nach und Nach, jedoch langsam, geht es mir besser; der Artzt sagt, ich
werde morgen ein wenig und langsam ausgehen dürfen; Gottlob!, denn lange
hätte ich es nicht mehr ausgehalten; in solchen Momenten würde der de-
terminirteste hagestolz von der Welt wünschen verheurathet zu seyn, denn
alle die krankenbesuche, welche man empfängt, kommen nicht in der Ab-
sicht, einen zu unterhalten und zu zerstreuen, sondern wollen vielmehr sel-
ber zerstreut und unterhalten werden.
Gestern brachte man mir ein Packet aus dem Praesidium; darin waren die
Beilagen meines im märz eingereichten gesuches um eine überzählige gu-
bernialsecretärsstelle, welchem, laut dem beiliegenden Praesidialschreiben an
mich, Seine Majestät nicht stattzugeben befunden hätte; also ein fiasco; quitte
à recommencer d’ici à quelques mois; ich, der ich in solchen Sachen jetzt ganz
anders denke als früher, als z.B. vor 2 Jahren, da mich eine ähnliche Abwei-
sung in gleisbach’s gegenwart in görz beinahe zum weinen vor Wuth und
Ärger brachte, dachte gerade so lange an diese gegenwärtige Abweisung, als
nothwendig war, meine Papiere ruhig wieder in den kasten zu sperren.
da liegt mein Ziel, da mein lebenszweck, da meine künftige existenz,
wenn ich sie, was ich zu Gott hoffe, endlich einst erreiche, nicht; als Guber-
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien