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Tagebücher198
ohnehin immer daneben stehen müssen; daher ist die Mühe nicht um Vieles
größer.
como 17. september
nach langem hin- und herstudieren und nachdem ich eine menge reisepro-
jecte formirt und wieder aufgegeben hatte, fuhr ich endlich gestern gegen mit-
tag vom hause weg, und zwar hieher, in der Absicht hier mein standquar-
tier aufzuschlagen; nun aber da ich hier bin, gefällt es mir nicht recht; das
Wirthshaus, wo ich wohne, der Angelo, das beste oder vielmehr das einzige
in como, ist mir zu lärmend, den ganzen tag lärm und geschrei von Ankom-
menden und Abreisenden, ein beständiges gewimmel von unausstehlichen
fremden aller nationen, kurz alles dieß taugt nicht in meinen kram, da ich
ruhe, muße zum abschreiben und zur letzten feilung meines Werkes brau-
che und nebstdem als Erholung schöne und nahe Spatziergänge; Alles dieses
nun geht mir hier ab; zudem finde ich es auch sonst weder in Hinsicht der
Wohnung noch des essens nur einigermaßen comfortable, und so werde ich
morgen, wenn das Wetter schön ist, denn heute Abends regnet es in strömen,
mit dem dampfboote abfahren und vorerst es mit varenna versuchen, ob es
mir da besser gefällt; übrigens habe ich mit dem Abschreiben heute angefan-
gen und finde das Handwerk ziemlich langweilig; auch habe ich oft Momente
der entmuthigung, und jetzt, da die Arbeit vor das Publickum treten soll, wird
mir zuweilen ordentlich bange, als sey die ganze sache keinen heller werth.
halb mailand und sonst noch eine menge fremde sind hier und in der
nähe, die zahllosen durchreisenden ungerechnet, die meine Qual ausma-
chen, eine beständige Confusion; an Unterhaltungen ist es übrigens ziem-
lich still; die Schuld daran liegt an einer Menge tripotages und cancans, in
welchen Julie samoyloff, ihr getreuer martini (dem sie aber nach und nach
ungetreu zu werden anfängt, à ce que l’on dit), gräfin Bolognini, etc. haupt-
rollen spielen; es sollte Komödie bey Samoyloff seyn, etc., aber Alles das
scheiterte an jenen klippen. gestern war jedoch zur feyer des nahmens-
tags der Bolognini bey ihr in cernobio großes fest, zu dem ich aber nicht
erschien, sondern mich begnügte, ein bischen auf den see zu fahren, von
weitem den feuerwerken zuzusehen und dann ganz ruhig ins theater zu
gehen. heute wollte ich gräfin larisch in grumello, wo sie schon seit mona-
then wohnt, besuchen, fuhr hin und ließ mich annonciren, sie ließ sich aber
entschuldigen, da sie eben bey der toilette wäre; ich muß gestehen, daß ich
diese unhöflichkeit, denn nur so kann ich das nennen, nicht recht begreife,
denn wir standen sonst in Wien und noch neulich, als ich sie im vorigen Win-
ter dort sah, auf einem sehr guten, beinahe intimen fuß mit einander, und
seitdem ist nichts geschehen, um dieses Verhältniß zu ändern; ich kann mir
das nur so erklären, daß der Bediente meinen Nahmen schlecht anmeldete;
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien