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„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ - Tagebücher 1839–1858, Band I
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Tagebücher202 varese 25. september gestern 3 uhr nachmittags verließ ich varenna und fuhr mit dem dampf- schiffe nach como. da es am vormittage mehrere male regnete, so gab ich mein Vorhaben, nach Lugano zu gehen, auf; dann aber wurde es ziemlich schön. Auf dem dampfschiff fand ich keinen Bekannten, wohl aber eine menge damen, worunter eine mir als ganz besonders comme il faut vorkam, es war, wie ich später erfuhr, eine gräfin Bernstorff, frau des preußischen chargé d’affaires in neapel. Bevor ich varenna verließ, erhielt ich ein Packet Briefe, darunter einen von flore, welche gabrielle’s Abreise von Wien auf den 19. ankündigte; vielleicht treffe ich sie dann schon bey meiner Ankunft in mailand. gestern Abend und heute früh las ich dann mit allem eifer die Zeitun- gen, deren ich nun durch mehrere tage entbehrt hatte, und zwar zu meinem großen verdrusse, da sie mir täglich mehr zu einem wahren Bedürfnisse werden; je mehr ich lese und studiere, desto mehr Interesse nehme ich an allen, selbst den scheinbar geringfügigsten ereignissen, und desto weniger an den gewöhnlichen déclamatorischen Zeitungs-Artickeln und tiraden, die mich ordentlich aneckeln. Also wieder ein Attentat (auf Joinville) und wieder emeuten in Paris! das wird wirklich eckelhaft; was ist es doch für eine Erbärmlichkeit um die fran- zösische nation, ihre Zustände und ihre Jonglerien! man möchte beinahe auf den gedanken kommen, die ganze romanische race sey verworfen, réprou- vée, so ganz ohne allen character, Würde und ehrenhaftigkeit ist sie! Juden, Italiäner und Franzosen, das Alles ist ungefähr dasselbe Hundegeschlecht; welch ein contrast mit den kräftigen, edlen germanischen stämmen, deut- schen und engländern. heute mittags fuhr ich von como ab und hieher, durch ein sehr anmuthi- ges, hügeliges Land; Varese ist ein garstiges, langweiliges, schmutziges, und dabey sehr ausgedehntes nest. Arona 28. september seit vorgestern mittags bin ich nun hier, an meinem geliebten lago mag- giore, welcher denn doch, man mag sagen, was man will, tausendmal schö- ner ist als der comersee, welcher mir dagegen vorkömmt wie eine Ausstel- lung im laden eines Zuckerbäckers. hier dagegen Alles viel grandioser und imposanter, und dann die magnifique entourage im hintergrund, die schweizerberge und die idee, daß hinter ihnen die schweiz liegt! das allein wäre für mich genug, ich stehe stundenlang am see und schaue in, oder eigentlich im geiste über die Berge. dazu ist es ein Wetter, wie man sich es kaum zu denken vermag, so schön und angenehm und dabey vollmond, also Alles beysammen.
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„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ Tagebücher 1839–1858, Band I
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Titel
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Untertitel
Tagebücher 1839–1858
Band
I
Autor
Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
Herausgeber
Franz Adlgasser
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2011
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC-ND 4.0
ISBN
978-3-205-78612-2
Abmessungen
17.0 x 24.0 cm
Seiten
744
Schlagwörter
Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
Kategorie
Biographien

Inhaltsverzeichnis

  1. Vorwort (Ffritz Fellner) 9
  2. Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg (1813–1858) – eine Lebensskizze 11
  3. Überlieferung der tagebücher 37
  4. Editionsrichtlinien 41
  5. Tagebücher 1839–1847 43
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