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„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ - Tagebücher 1839–1858, Band I
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Tagebücher204 [mailand] 27. oktober gestern Abends kam ich von varese zurück, wo ich ein Paar tage zuge- bracht hatte. mein reisegefährte war ein pensionirter husarenmajor Baron eötvös, der hier lebt und eine Art von Pferdemaquignon macht, dabey ein gutmüthiger alter kerl, der mir in einem fort von seinen weiblichen erobe- rungen grüner Jugendjahre vorerzählte. eine solche war der eigentliche grund meiner gegenwärtigen exkursion, oder vielmehr eine rückeroberung, nämlich signora rosina Picco, mit welcher ich im Jahre 1838 zu görz jene merkwürdige an komischen und mitunter auch an tragischen szenen reiche liaison gehabt hatte, welche dann die trennung von ihrem manne herbey- führte. ich fand sie nun in varese, wo sie gegenwärtig singt, wie ich höre, denn als ich dort war, gab man eine andere oper, in welcher sie nicht auf- trat, soll sie sich sehr ausgebildet haben, und sie tranchirt überhaupt jetzt mehr de la grande dame und hat von ihrem séjour in Paris, Brüssel und lissabon profitirt. sie empfing mich avec transport, welches ich Anfangs für comödie hielt, wie ich überhaupt immer mißtrauisch gegen die liebesbe- zeugungen der Weiber zu seyn pflege, und daher eher zu wenig als zu viel glaube. nach und nach aber mußte ich wirklich glauben, sowie ich es jetzt thue, daß sie, wie sie mich versicherte, mich wirklich geliebt habe und mich noch liebe. es sind kleinigkeiten, geringfügige, unmerkliche Attentionen, durch welche sich die liebe offenbart, und die die geübteste verstellung nicht heucheln kann. ich brachte beynahe den ganzen tag bey ihr zu, von al- ten Zeiten schwatzend, wobey sie mir hundert kleine détails und geschicht- chen aus unserer ehemaligen Bekanntschaft wieder ins gedächtnis rief, welche mich herzlich lachen machten. Wie schade ist es, daß man nicht alle seine Aventures, high crimes und misdemeanours aufschreibt, es käme da nach und nach ein ganz passabler roman heraus. Also wir liebten uns sehr, so sehr, als man sich nur lieben kann, nämlich nicht nur mit Worten, sondern auch in Werken, obwol mir Anfangs ein neidi- scher fetzen mein glück verwehren zu wollen schien, endlich aber mußte er der Allgewalt der liebe weichen. sie geht am 5. dieses monats nach novara, und ich versprach ihr, sie dort zu besuchen. ende november kömmt sie dann hierher, um ein weiteres engagement zu erwarten. da werde ich dann also zum obligats cavalier servante, für welchem glücke mir jetzt schon graut, denn so gut als sie mir gefällt, habe ich meine freyheit doch noch lieber und eine unüberwindliche Abneigung gegen alle engagements auf lange Zeit hinaus. vorgestern Abends war ein charmanter Ball in varese mit einer unzahl theils bekannter, theils unbekannter, aber beynahe lauter hübsche frauen. von meinen besseren weiblichen Bekannten traf ich die littas, Borromeis etc. Auch die ronzi ist in varese, war aber nicht sang bleu genug, um auf den Ball zu kommen.
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„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ Tagebücher 1839–1858, Band I
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Titel
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Untertitel
Tagebücher 1839–1858
Band
I
Autor
Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
Herausgeber
Franz Adlgasser
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2011
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC-ND 4.0
ISBN
978-3-205-78612-2
Abmessungen
17.0 x 24.0 cm
Seiten
744
Schlagwörter
Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
Kategorie
Biographien

Inhaltsverzeichnis

  1. Vorwort (Ffritz Fellner) 9
  2. Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg (1813–1858) – eine Lebensskizze 11
  3. Überlieferung der tagebücher 37
  4. Editionsrichtlinien 41
  5. Tagebücher 1839–1847 43
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