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allein, so daß ich von morgen bis Abend bey ihr bin, und mein kopf geht um.
sie kommt von mannheim und reist nach florenz, wo sie den Winter zubrin-
gen will, davon hatte sie mich schon vor 10–12 tagen benachrichtigt, jedoch
erwartete ich sie nicht so bald, gestern früh nun schickte sie mir den lohn-
bedienten, um mich zu holen, und seitdem bin ich mit Ausnahme der nacht
und des frühen morgens beynahe unaufhörlich bey ihr.
ich kann nicht sagen, was ich die frau bewundere, liebe, anbethe, wie sie
mich berauscht, es liegt ein nimbus von Aristokratin, von high breeding,
von unendlicher grazie um sie, ich kann an keine andere frau denken, ge-
schweige denn hübsch finden, wenn ich sie ansehe, ich bin ihr gegenüber
ganz dumm und tölpisch. und ihre conversation, ihr geist, ihre guten delici-
ösen einfälle, die unendliche elegance ihrer geringsten gedanken und ihrer
Art, diese auszudrücken. kurz, fand ich sie ehmals schön, so finde ich sie
jetzt göttlich.
gestern sprachen wir in einem fort von ihr und dem, was sie seit ich sie
sah, erlebte, sie blieb wirklich den ganzen Winter über in Pisa, aber Brock-
hausen kam nicht, und sie langweilte sich grenzenlos, ihre scheidungs-An-
gelegenheiten wurden immer schlimmer und schlimmer, da ihre ganze fa-
milie wider sie konspirirte, ihr kein geld mehr gab, um sie zur rückkehr zu
ihrem manne zu zwingen, sie aber hielt aus, verkaufte ihren schmuck und
lebte durch mehr als 6 monathe von dessen erlös ganz klein in Zürch oder
eigentlich in dessen nähe und dann in lausanne, bis endlich die ihrigen
nachgaben, und nun ist ihr verhältniß zu mann und familie vollkommen
und friedlich geordnet, sie bleibt ihre eigene frau, kann jedoch so bald und
auf so lange sie will zu ihrem manne zurückkehren, um ihre kinder zu se-
hen, wie sie sie jetzt zu mannheim sah. den ganzen Winter über war sie in
lausanne bis auf eine excursion incognito nach Paris, wo sie ein rendez-
vous mit Brockhausen hatte und durch 4 Wochen das Zimmer nicht verließ,
um incognito zu bleiben. im frühjahre ging sie nach kissingen, von da nach
heidelberg, wo sie eine schwere krankheit machte, und endlich nach mann-
heim. Brockhausen hat sich während der ganzen Zeit sehr schlecht benom-
men, temporisirte immer, kam nie, obwohl sie ihn seit 2 Jahren unaufhörlich
erwartete, so daß sie ihn bloß in Paris sah, quälte sie auf hunderterley Art,
durch unschlüssigkeit, Ängstlichkeit vor dem, was die Welt sagen werde,
als ob dieses seine sache und nicht vielmehr die ihrige gewesen wäre, und
sprach beständig von den großen opfern, welche er ihr brächte, während sie
ihm Alles, was nur jemals geopfert wurde, dargebracht hat. kurz er benahm
sich, wie ich ihn mir dachte, kleinlich, eitel, selbstsüchtig und misérable,
zudem ahnt sie, daß er der gräfin rechberg in stockholm die cour macht.1
1 der preußische diplomat Adolf frh. v. Brockhausen war seit 1834 gesandter in stockholm,
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien