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„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ - Tagebücher 1839–1858, Band I
Seite - 206 -
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Tagebücher206 allein, so daß ich von morgen bis Abend bey ihr bin, und mein kopf geht um. sie kommt von mannheim und reist nach florenz, wo sie den Winter zubrin- gen will, davon hatte sie mich schon vor 10–12 tagen benachrichtigt, jedoch erwartete ich sie nicht so bald, gestern früh nun schickte sie mir den lohn- bedienten, um mich zu holen, und seitdem bin ich mit Ausnahme der nacht und des frühen morgens beynahe unaufhörlich bey ihr. ich kann nicht sagen, was ich die frau bewundere, liebe, anbethe, wie sie mich berauscht, es liegt ein nimbus von Aristokratin, von high breeding, von unendlicher grazie um sie, ich kann an keine andere frau denken, ge- schweige denn hübsch finden, wenn ich sie ansehe, ich bin ihr gegenüber ganz dumm und tölpisch. und ihre conversation, ihr geist, ihre guten delici- ösen einfälle, die unendliche elegance ihrer geringsten gedanken und ihrer Art, diese auszudrücken. kurz, fand ich sie ehmals schön, so finde ich sie jetzt göttlich. gestern sprachen wir in einem fort von ihr und dem, was sie seit ich sie sah, erlebte, sie blieb wirklich den ganzen Winter über in Pisa, aber Brock- hausen kam nicht, und sie langweilte sich grenzenlos, ihre scheidungs-An- gelegenheiten wurden immer schlimmer und schlimmer, da ihre ganze fa- milie wider sie konspirirte, ihr kein geld mehr gab, um sie zur rückkehr zu ihrem manne zu zwingen, sie aber hielt aus, verkaufte ihren schmuck und lebte durch mehr als 6 monathe von dessen erlös ganz klein in Zürch oder eigentlich in dessen nähe und dann in lausanne, bis endlich die ihrigen nachgaben, und nun ist ihr verhältniß zu mann und familie vollkommen und friedlich geordnet, sie bleibt ihre eigene frau, kann jedoch so bald und auf so lange sie will zu ihrem manne zurückkehren, um ihre kinder zu se- hen, wie sie sie jetzt zu mannheim sah. den ganzen Winter über war sie in lausanne bis auf eine excursion incognito nach Paris, wo sie ein rendez- vous mit Brockhausen hatte und durch 4 Wochen das Zimmer nicht verließ, um incognito zu bleiben. im frühjahre ging sie nach kissingen, von da nach heidelberg, wo sie eine schwere krankheit machte, und endlich nach mann- heim. Brockhausen hat sich während der ganzen Zeit sehr schlecht benom- men, temporisirte immer, kam nie, obwohl sie ihn seit 2 Jahren unaufhörlich erwartete, so daß sie ihn bloß in Paris sah, quälte sie auf hunderterley Art, durch unschlüssigkeit, Ängstlichkeit vor dem, was die Welt sagen werde, als ob dieses seine sache und nicht vielmehr die ihrige gewesen wäre, und sprach beständig von den großen opfern, welche er ihr brächte, während sie ihm Alles, was nur jemals geopfert wurde, dargebracht hat. kurz er benahm sich, wie ich ihn mir dachte, kleinlich, eitel, selbstsüchtig und misérable, zudem ahnt sie, daß er der gräfin rechberg in stockholm die cour macht.1 1 der preußische diplomat Adolf frh. v. Brockhausen war seit 1834 gesandter in stockholm,
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„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ Tagebücher 1839–1858, Band I
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Titel
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Untertitel
Tagebücher 1839–1858
Band
I
Autor
Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
Herausgeber
Franz Adlgasser
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2011
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC-ND 4.0
ISBN
978-3-205-78612-2
Abmessungen
17.0 x 24.0 cm
Seiten
744
Schlagwörter
Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
Kategorie
Biographien

Inhaltsverzeichnis

  1. Vorwort (Ffritz Fellner) 9
  2. Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg (1813–1858) – eine Lebensskizze 11
  3. Überlieferung der tagebücher 37
  4. Editionsrichtlinien 41
  5. Tagebücher 1839–1847 43
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