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„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ - Tagebücher 1839–1858, Band I
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Tagebücher208 ich noch immer nicht wußte, ob die sonne des vorigen Abends volle geltung haben würde oder nur eine Aufwallung des Augenblickes gewesen sey, ein Blick auf sie aber reichte hin, um meine Befürchtungen zu verbannen, sie kam mir so schön und liebevoll entgegen, daß ich ihr hätte zu füßen sinken mögen. und so verging dann der tag in liebe und Wonne, wir fuhren auf der eisenbahn nach monza, gingen dort in dem Park spatzieren, setzten uns bey der rückkunft hieher in einen omnibus unter eine menge volk, da sie zu müde war, den Weg zu fuße zu machen, was uns sehr viel spaß machte, und ließen uns in der nähe des hôtels absetzen, aßen dann wie gewöhnlich en tête-à-tête und brachten ebenso den Abend zu. Wie wenige frauen wären im stande, solch ein 4-tägiges, ununterbroche- nes tête-à-tête ungestraft auszuhalten! und doch ging uns nie auch nur auf einen moment der faden des gespräches aus, und dieß ohne in das fade ge- schwätz der liebenden zu verfallen, obwol dieses auch zu Zeiten sein recht behauptete. Aber wo konnte man auch eine zweyte frau finden, welche, wie sie, soviel erfahrung aus der großen Welt, high breeding, guten ton, lebhaf- tigkeit, geist, Anmuth, caquet und unbefangenheit in sich vereinigte, dabey so jugendlich, kindisch und herzlich, daß man sie mit jedem tage lieber ge- winnt. kurz, ich wiederhole es, sie ist ein engel, und glücklich wäre ich, an ihrer seite leben zu können. und wer weiß, was noch geschieht. und ob sie mich wirklich und dauerhaft liebt? für den Augenblick bin ich dessen gewiß, denn sie war in ihren demonstrationen beynahe leidenschaft- lich, obwol sie mir die dernière de ses faveurs trotz meiner Bitten nicht ge- statten wollte. da ergriff ich denn den letzten Ausweg und appellirte an die schwache seite der frauen, an ihre eitelkeit, ich erzählte ihr nämlich, wie gräfin Bombelles mir in Bern mit ihrer gewöhnlichen Bosheit beschrieben hätte, wie mager und antisinnlich sie gebaut sey, und dieses wirkte, wenig- stens schrieb ich es zum theile dem zu, denn gestern Abends in Pavia er- laubte sie mir, sie, wenn ihre kammerjungfer sie entkleidet und verlassen haben würde, zu besuchen, aber unglücklicher Weise hatte diese den ver- dammten einfall, den schlüssel abzuziehen und mit sich zu nehmen, ohne daß clotilde den muth gehabt hätte, ihr zu wehren, und so mußte ich denn unverrichteter dinge abziehen, und mich auf florenz vertrösten, wo ich ihr versprechen mußte, sie diesen Winter zu besuchen. überhaupt geht ihr der muth in einem ganz ungewöhnlichen grade ab, nervenschwach, wie sie es noch von ihrer letzten krankheit ist, schrack sie bey jedem geräusche zu- sammen, was uns alle Augenblicke störte, jagte mich alle Abende um 11 uhr fort, des Portiers im gasthofe wegen, wollte mir nie den Arm geben, wo es menschen gab, etc., worüber wir zwei in Zank und hader lagen. gestern um 2 uhr nachmittag fuhr sie ab trotz meiner versuche, sie noch bis heute festzuhalten, da sie das dampfschiff, welches morgen nachmittag
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„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ Tagebücher 1839–1858, Band I
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Titel
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Untertitel
Tagebücher 1839–1858
Band
I
Autor
Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
Herausgeber
Franz Adlgasser
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2011
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC-ND 4.0
ISBN
978-3-205-78612-2
Abmessungen
17.0 x 24.0 cm
Seiten
744
Schlagwörter
Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
Kategorie
Biographien

Inhaltsverzeichnis

  1. Vorwort (Ffritz Fellner) 9
  2. Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg (1813–1858) – eine Lebensskizze 11
  3. Überlieferung der tagebücher 37
  4. Editionsrichtlinien 41
  5. Tagebücher 1839–1847 43
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