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November 1841
genua verläßt, nicht verfehlen mochte, noch wohl konnte. ohnehin hatte
sie mir zu liebe, und um länger hier bleiben zu können, ihren ganzen rei-
seplan geändert und trotz seekrankheit den Weg zu Wasser gewählt, um
nach florenz zu kommen, wo ihr onkel sie schon morgen erwartet. dagegen
bath sie mich, ihr nach Pavia nachzufahren, was ich dann natürlich that, ich
fuhr gegen 1/2 3 weg und war bald nach ihr in Pavia, wir stiegen beyde in
der croce Bianca ab, einem misérablen gasthofe, aßen zum letzten male mit
einander, blieben, wie gewöhnlich, bis 11 uhr beysammen und hofften, uns,
wie gesagt, später noch zu sehen, aber mein unstern wollte es nicht.
heute früh war ich dann wieder bey ihr, bis sie, um 8 uhr, abfuhr. ich
habe ihr versprochen nach florenz zu kommen, und freue mich schon jetzt
mehr als ich sagen kann darauf.
traurig und in einer trübseligen stimmung fuhr ich bald nachher ab,
nach mailand zurück. unterwegs besah ich mir zur Zerstreuung die wirklich
magnifique chartreuse, was beynahe 2 stunden wegnahm, und kam gegen 2
uhr hier an. um 4 uhr ging ich aus dem Bureau ganz tiefsinnig in die Burg,
da ich gabrielle heute Abends oder morgen erwartete, erfuhr aber zu mei-
ner großen freude, sie sey schon seit mehreren stunden da. Wir hatten uns
dann soviel zu erzählen, daß mir dieses gleich einige Zerstreuung gewährte,
ich brachte dann auch den Abend bey ihr zu, wo ich auch gottfried fand, der
eben so zufällig von lodi hereingekommen war. gabrielle brachte mir Briefe,
grüße etc. von allen ecken und enden, aus Wien, Böhmen, mähren, neu-
haus, wo sie bey eduard gewesen, und innsbruck von taxis.
das facit von Allem dem ist, daß ich wieder einen eckel mehr an der
langweiligen Beschäftigung habe, welche ich wie ein karrengaul verdrossen
treibe, ich kann es nicht sagen, wie mich diese immer, besonders aber in
solchen momenten, anwidert. das muß anders werden. gott gebe es, daß ich
durchbrechen könne. A propos de cela, vergaß ich zu sagen, daß ich schon vor
einiger Zeit an ritter nach triest schrieb, um mir von ihm eine erschöpfende
vorstellung der handelsverhältnisse oesterreichs zu Amerika zu erbitten,
und von ihm bereits eine befriedigende Praeliminar-Antwort erhielt. Wenn
ich jene bekomme, wird sie mir als material dienen, um in Wien mit einem
begründeten, durchdachten mémoire Behufs meiner reise in jenen Welttheil
auftreten zu können. überhaupt bereite ich mich auf diese nach kräften vor,
wiewohl ihr das incident mit meiner angebeteten clotilde einen ziemlichen
stoß gegeben haben dürfte.
mein Werk ist in den händen des hiesigen Buchhändlers tendler,1 wel-
cher es, und zwar wahrscheinlich bey hofmann und campe in hamburg zum
1 Zur geschichte der Wiener Buchhandlung und verlag tendler & schäfer, von 1819–1838
und seit 1846 tendler & co., mit einer mailänder filiale von 1840–1852, siehe carl Junker,
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien