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Tagebücher210
druck befördern wird, da er dessen inhalt für zu stark hält, als daß es cotta,
an den ich Anfangs dachte, annehmen würde, ich habe mich jedoch gegen
ihn nicht zu dessen Autorschaft bekannt. übrigens meint er, es werde fu-
rore erregen, welch ein Balsam für meine eitelkeit. und die folgen? vogue
la galère.
[mailand] 21. november
Jetzt, wo ich ruhiger über mein so plötzlich zur reife gediehenes verhältniß
zu clotilden nachdenke und über sie selbst, lerne ich die frau erst recht ken-
nen und bewundern. es ist eine wahre leidenschaft, welche ich für sie fühle,
warum trifft mich das gerade am vorabende des tages, an welchem sich der
lange geschürzte knoten meines schicksals lösen soll? soll mich selbst das
glück unglücklich machen? Wie dem aber auch sey, ich lebe jetzt nur in der
idee, sie in florenz wieder zu sehen und an ihrer seite in meinem glücke zu
schwelgen, vielleicht vermehrt es meine leidenschaft, daß ich über ihre er-
wiederung doch noch einigermaßen in ungewißheit bin. da regt sich wieder
mein altes, ewiges mißtrauen und meine innerliche schüchternheit, welche
es mir immer, und besonders dort, wo ich wahrhaft verliebt bin, als unwahr-
scheinlich erscheinen läßt, wahre volle gegenliebe gefunden zu haben. und
doch konnte mir wahrhaftig niemand stärkere Beweise von liebe geben als
meine angebethete clotilde, und doch, jetzt da sie weg ist, überfällt mich ein
Zweifel, ob es nicht bloße erhitzung des Augenblickes gewesen, welche sie
in meine Arme führte. ihre kaum entschwundene liebe zu Brockhausen,
welchen ich nun hasse und verachte, nicht aus eifersucht, sondern weil er
eine solche frau, eine solche liebe so unwürdig, so jämmerlich klein und
misérabel behandeln konnte, eine wahre dreckseele. diese liebe schreckt
und ängstiget mich noch immer mit einer Besorgniß des rückfalls, sie selbst
schien sich Anfangs, denn später sprachen wir nicht mehr davon, nicht recht
klar darüber bewußt zu seyn, gibt es doch auf der Welt etwas edleres, als
sie? sie weinte vor kränkung, als sie mir erzählte, wie er mit ihr, die ihm
Alles aufgeopfert hat, umgegangen ist, und doch sagte sie, sie glaubte bey-
nahe, wenn er wolle, so würde sie das Alles zwar nicht vergessen, aber ihm
doch wieder gut werden, es war, gott wolle, daß es nicht mehr so ist, eine
Art von verrückung, von Wahnsinn, der sie befangen hielt, aber was ist ihr
herz für ein Juwel! meine liebe zu ihr läßt sich nicht aussprechen, es ist
Die Buchhandlung Wilhelm Frick; in: ders., Zum Buchwesen in Österreich. Gesammelte
schriften (1896–1927), hg. v. murray g. hall (Buchforschung. Beiträge zum Buchwesen in
österreich 2, Wien 2001) 347–350, und Peter r. frank, Johannes frimmel, Buchwesen in
Wien 1750–1850. kommentiertes verzeichnis der Buchdrucker, Buchhändler und verleger
(Buchforschung. Beiträge zum Buchwesen in österreich 4, Wiesbaden 2008) 193–195.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien