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Dezember 1841
[mailand] 19. dezember
Je näher ich der entscheidung rücke, desto mehr scheinen sich hindernisse
und unannehmlichkeiten aufthürmen zu wollen, um mir diese letzten mo-
mente zu verleiden und mich mit einer wahren sehnsucht auf den Augen-
blick der erlösung harren zu machen. erstlich habe ich noch immer keine
der Antworten erhalten, auf welche ich mit solcher ungeduld warte, weder
von cotta, dessen erklärung über meine Anträge für die Ausführung, we-
nigstens für die unmittelbare Ausführung meiner reiseprojekte von so ent-
scheidender Wichtigkeit sind, noch von ritter, dessen Ausarbeitung über die
handelsverhältnisse triests und oesterreichs zu Amerika ich ebenfalls un-
umgänglich nöthig habe, um in Wien mit vollkommener sachkenntniß auf-
zutreten. Auch von hoffmann und campe ist noch keine Antwort da, und da
möchte ich vor meiner Abreise von hier wenigstens [über] den hauptpunkt,
nämlich ob er das Werk zum drucke nimmt oder nicht, im reinen seyn, da
sich derley kitzliche geschäfte brieflich schwer verhandeln lassen. diese un-
gewißheit ist ein höchst unangenehmer Zustand und fängt mir an, mit jedem
tage lästiger zu werden. Besonders contrariirt mich cottas stillschweigen,
geht er auf meinen Antrag nicht ein, so weiß ich wirklich nicht, wie ich es
anfangen werde, um meinen reiseplan auszuführen, denn mir fehlt der ner-
vus rerum, geld oder wenigstens das hinreichende geld, und finde ich dieses
nicht bey cotta, so ist mein vornehmster hoffnungsanker beym teufel, denn
auf die munificenz der österreichischen regierung vertraue ich wenig, und
auch von den regierungen des deutschen Zollvereines, an welche ich mich
in Wien durch lerchenfeld etc. zu wenden denke, erwarte ich nicht sehr
viel, wenigstens in pecuniairer hinsicht, und diese ist gerade jetzt für mich
die entscheidende. daß ich aber meinen Plan ganz fahren lassen sollte, das
könnte ich nun und nimmer mehr über mein herz bringen, ich habe mich
damit so familiarisirt, und er ist mir nach und nach so lieb und unentbehr-
lich geworden, daß ich wirklich nicht weiß, wie ich es ertragen würde, ihn
ganz aufgeben zu müssen.
Zu diesen Betrachtungen gesellen sich eine menge kleiner vexationen,
die aber darum nicht minder dazu beytragen, einen zu verstimmen, die Per-
plexität meines Banquiers, welcher mir nun ganz unerwarteterweise vom
kommenden Jahre an meinen credit nicht erneuern kann oder will, so daß
ich schleunige Anstalten treffen mußte, nur um meine vorhabende Wiener-
reise antreten zu können, deren resultaten ich erst noch entgegen sehe,
endlich eine menge unangenehmer ermahnungen und eröffnungen, welche
mir jetzt bey gelegenheit meines langweiligen gesuches um eine noch lang-
weiligere gubernialsecretairs-stelle, das ich, ich weiß selbst nicht warum,
auf den rath Anderer eingebracht habe, von allen seiten zukommen. der
erzherzog rainer meint, ich säße zu wenig im Bureau, der erzherzog lud-
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien