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Dezember 1841
ultras, als trintzi, Battaglia, Pio etc., zu bemerken. erzherzog carl ist über-
all zu sehen, macht aber keinen großen effekt bey den hiesigen damen, was
mich zum theile wundert, da er wirklich abgesehen von seinem range äu-
ßerst comme il faut, élégant und liebenswürdig aussieht, ich bin sehr gut mit
ihm. gestern sprach ich lange mit Berchtold, er will das kind seiner frau,
und tiesenhausen’s wenigstens sagt man es, nicht für das seine erkennen
und sitzt trotz dem den ganzen tag bey ihr, geht mit ihr ins theater und
spatzieren etc. es gibt dinge auf der Welt, die unbegreiflich sind.1
[mailand] 27. dezember
ich habe meine reiseprojekte in etwas geändert, denke vorläufig und zwar
Anfangs Jänner bloß auf 14 tage nach florenz zu gehen, von da hieher zu-
rück zu kommen und dann erst gegen mitte februar nach Wien zu reisen.
dieses convenirt mir aus mehreren rücksichten besser. hauptsächlich deß-
wegen, weil ich sowol von cotta und ritter, als von hofmann und campe
noch immer keine Antwort habe und doch vor meiner Abreise nach Wien
in beyden diesen hinsichten im klaren seyn möchte und muß. gräfin lot-
tum schrieb mir vorgestern, sie erwarte mich auf jeden fall, und ich solle
in demselben hôtel absteigen, wo sie wohnt, gar so strenge bewacht sey sie
übrigens nicht. dagegen höre ich nun, Brockhausen sey als gesandter nach
neapel bestimmt. da wäre es wohl möglich, daß wir uns in florenz träfen,
das würde einen hauptspaß geben. indessen préparire ich mich nach mög-
lichkeit auf meine große reise und lese humboldts riesenwerk mit gedul-
diger ergebung,2 nur cotta’s stillschweigen beunruhigt mich, denn von da
erwarte ich das hauptmoment meiner reise.
gestern wurde die scala eröffnet, wie gewöhnlich große spannung und
Wichtigthuerey, und wie gewöhnlich an diesem tage ein fiasco, welcher sich
übrigens heute in einen gemäßigten und wahrscheinlich nach und nach in ei-
nen entschiedenen Beyfall umwandeln dürfte, die oper, eigens von donizetti
geschrieben, heißt maria Padilla, darin singen dlle löwe und Abbadia, ron-
coni und donzelli, die Ballette sind elend und heißen l’ultimo imperatore del
messico, und un sogno della china. somit sind die soirées etc. aus, worüber
ich nicht böse bin, da sie au bout du compte alle ziemlich langweilig waren.
die frauen sind hier hübsch und élégant, das sind aber auch ihre einzigen
1 nach den einschlägigen genealogien der familie Berchtold dürfte es sich um den 1842
(genaue geburtsdaten sind nicht angegeben) geborenen sohn stephan handeln. Am
29.10.1842 nennt Andrian explizit tiesenhausen als vater, jedoch den vornamen mit Pi-
erre.
2 Alexander von humboldts Arbeiten über seine Amerikareise erschienen von 1805–1834 in
Paris unter dem gesamttitel voyage aux régions équinoxiales du nouveau continent fait
en 1799, 1800, 1801,1802, 1803 et 1804 par Al. de humboldt et A. Bonpland.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien