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Jänner 1842
rendezvous für den Abend verabredet. da war dann gleich alle üble laune
weg. nach tische schwätzten wir noch lange, frau von meyendorff ist eine
außerordentlich angenehme und geistreiche frau und sah gestern ganz be-
sonders gut aus. in der Pergola fand ich sie dann wieder, ging aber schon
nach 11 uhr nach hause, um die rückkunft clotilde’s, welche noch in eine
soirée zu mourawieff gefahren war, abzuwarten. Aber dummer Weise, und
da ich mit den vorschriften des hauses noch nicht bekannt war, verpaßte ich
ihre Ankunft und machte dann in meiner Besorgniß, von Jemandem gesehen
zu werden, was sie desperat gemacht hätte, zwey verunglückte expeditio-
nen nach ihrer thüre, immer in der ungewißheit, ob sie schon zu hause sey
oder nicht, endlich gelang die dritte, nachdem ich mir beynahe in der dun-
kelheit die nase zerschlagen hätte. sie hatte schon seit mehr als einer hal-
ben stunde auf mich gewartet und zankte mich ganz entsetzlich aus. Zwey
stunden vergingen mir wie zwey minuten, und ich ging wie immer verliebter
weg, als ich gekommen, es war nach 2 uhr, die frau ist ein wahrer engel.
[florenz] 21. Jänner
gestern früh 1 uhr ging ich zu clotilde, da sie aber gerade toilette machte,
wollte ich nicht warten, sondern ging auf unsere gesandtschaft und machte
dann eine visite bey meyendorf, traf aber bloß ihn und bey ihm einen alten
herrn, einen franzosen, wie ich glaube. Wir sprachen viel und lange über
Politik und finanzen, über deutschland und oesterreich, über europas Zu-
kunft etc. meyendorf, der eine bleibende mission des kaisers von rußland
in Paris, so viel mir scheint, in kommerzieller und industrieller Beziehung,
bekleidet, ist einer der ausgezeichnetesten, interessantesten menschen, die
mir noch vorgekommen, und auch ich fand mich auf diesem terrain so ziem-
lich zu hause. Auch höre ich, daß er seit jener conversation mir allenthalben
ein großes und lautes lob singt. man kann nicht wissen, wozu das gut ist.
mir eine renommée d’un homme à grandes idées zu machen, ist bey mir
noch mehr Berechnung als eitelkeit.
Wir gingen dann zusammen in die gallerie degli uffizi, wo frau von mey-
endorf, eine ganz ausgezeichnete mahlerinn, ein Portrait von rubens kopirt,
welches sie in 3 séancen schon beynahe zur vollendung gebracht hat und in
noch einer ganz fertig zu machen hofft. hierauf besuchte ich die uechtritz
und plauderte lange mit ihnen, sagte mich auch auf heute Abend bey Wasa
an, welche visite ich denn doch einmal machen muß.
indessen war es 1/2 5 geworden, und ich konnte oder glaubte doch nicht
mehr zu lottum zu können, worüber sie mir dann vorwürfe machte, ich fla-
nirte daher noch eine Zeitlang herum, genoß das herrliche Wetter am lun-
garno und ging dann nach hause, wo ich ganz allein aß, da ich niemanden
gefunden hatte, den ich zu mir hätte bitten können. übrigens war es recht
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien