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Jänner 1842
der, Albert, neulich im club zu mailand einen schlag über den kopf und
forderte sogleich mit einer bewundernswürdigen geistesgegenwart und fas-
sung das ehrenwort des schlagenden, diesen vorfall niemanden zu erzäh-
len, voilà ce qui signifie voir de l’expérience dans de parcilles affaires. Andere
hätten sich ganz dumm und einfach geschlagen. natürlich wußte es trotz
ehrenwort am tage darauf die ganze stadt, und diese – empfing ihn nach
wie vor. nun frage ich, welcher der unterschied ist zwischen italiener und
hundsfott?
clotilde gab mir den neuesten roman von eugéne sue: mathilde,1 worin
mehrere bekannte Personen, unter andern Anatole demidoff, dieser letztere
auf das scheußlichste, geschildert sind.
[florenz] 25. Jänner
ich saß gestern früh wieder von 1 bis 1/2 4 uhr bey clotilde, meistentheils
allein, sie machte mir die Bemerkung, welche sich auch mir schon aufdrang,
daß seit ich hier bin, ihre sonstigen Besucher ausbleiben oder seltener wer-
den. ich werde, so scheint mir, ganz als der amant en titre angesehen, man
fragt mich, wenn man wissen will, was sie thut, wo sie ist, etc. louis Zichy,
zu dem ich von gräfin lottum ging, sprach mir auch davon, und meinte, die
ganze stadt spräche darüber, au fait, qu’est ce que cela y fait? es ist übri-
gens erstaunlich, wie sehr solche cynische späße wie die Zichys, sobald sie
nicht von der Art sind, daß man sie en preux chevalier übel nehmen muß,
den kopf wenigstens momentan abkühlen, denn der irrthum der verliebten
ist immer und ewig der, daß sie die sache für weit wichtiger halten, als sie
es wirklich ist, und sich einbilden, das was sie empfinden, sey früher noch
nie da gewesen und werde immer so bleiben, und wenn man da mitten in
diesem Wahne Andere darüber sprechen hört, mit dem kalten gleichgültigen
interesse, welche ein jeder ausgenommen die Betheiligten einer so alltägli-
chen sache schenken, so erinnert man sich erst wieder, daß es sich hier nach
Allem doch nicht um tod und leben handelt, und daß der moment kommen
wird, wo man über das, was einen jetzt aufregt, mit vieler ruhe nachdenken
wird. mit diesen gedanken ging auch ich von Zichy weg, und ich gestehe,
daß mir diese beynahe wohlthuend waren, und daß ich mich für unsere her-
annahende trennung in dieser stimmung zu erhalten wünschte, aber ein
Blick clotildes zerstört all das künstliche gebäude.
dann flanirte ich herum, denn es war wieder schönes Wetter, bis auf den
koth in den straßen, speiste an der table d’hôte im hôtel du nord, ärgerte
mich wie gewöhnlich an tables d’hôte über die leute, die neben mir saßen
und ihr dummes geschwätz, trank caffeh und las Zeitungen im café doney
1 eugéne sue, mathilde, mémoires d’une jeune femme (Paris 1841).
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien