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bey clotilden zu machen, wo ich jedoch wieder eine menge leute fand. in
einem Augenblicke der muße ging ich sogar in den Palazzo corsini, ließ mir
die gallerie öffnen und besah mir da eine halbe stunde lang die unvergleich-
liche lucretia von guido reni.
um 6 uhr hatte ich ein ganz charmantes diner bey orloff – clotilde, mey-
endorf (sie kam nicht), lapuchin, ein langweiliger hagerer schweizer mr.
d’Arlins, herr v. Bergmann, schwedischer chargé d’Affaires, und ich. clo-
tilde war wieder schön und elegant wie ein engel und freute sich sehr, als
ich es ihr sagte. nach tische kamen viele leute: gräfin choiseul, mit der
ich viel sprach, Bonetta, er und sie, Putbus, Allegri, froloff, mad. de mey-
endorf etc., kurz ein voller salon. nach 11 uhr fuhr ich zu lobanoff, wohin
clotilde mir vorausgegangen war, ich tanzte mit ihr und der meyendorf, mit
welchen beyden damen ich beynahe ausschließlich war, es war ein ziemlich
großer rout. clotilde überstrahlte Alle an schönheit und eleganz, es ist ein
göttliches Weib. Während des diners bey orloff schickte mir dr. gambarajo
das gewünschte mit einem sehr komischen Briefe, den ich der seltenheit
wegen aufbewahre. übrigens kam ich an demselben tage nicht in den fall,
die Wahrheit desselben zu erproben, denn da wir erst nach 3 uhr von loba-
noff, wo clotilde und folglich auch ich sich recht gut amusirten, nach hause
kamen, so dauerte unser rendezvous nicht sehr lange, und es war sonach
keine rede davon.
in folge des frischgefallenen schnees waren durch mehrere tage alle ver-
bindungen mit dem norden abgebrochen, vorgestern den 27. kam der erste
Wagen über die Appeninnen, unser courier Barzaghi, der von Bologna hie-
her 4 tage gefahren war, bald nach ihm matteo thun, der 5 tage brauchte,
und 2 tage in Pietra mala festsaß. es ist hiernach unmöglich an die rück-
reise zu denken. letzthin verunglückte eine diligence mit 2 Priestern und
einer tänzerinn, ein sonderbares Zusammentreffen.
in folge dessen ging ich gestern mittags auf unsere gesandtschaft, um
mir von schnitzer obiges schriftlich bestätigen zu lassen, und schrieb dann
gestern und heute Briefe an spaur, gabrielle und den delegaten, die ich
mit dem heutigen courier abfertigte. so angenehm es mir ist, noch ein Paar
tage länger bey meiner angebetheten clotilde bleiben zu können, so ist es
mir doch von der anderen seite unangenehm, gerade in diesem momente,
wo sich etwas für mich entscheiden soll, mein Wort nicht lösen zu können,
da ich fürchte, man werde mir trotz aller Attestate die sache nicht recht
glauben wollen und mir dann hindernisse machen, wenn ich ende februar
meine nothwendige reise nach Wien antreten werde. ich will daher noch
3–4 tage zuwarten, und sollte der Weg bis dahin nicht besser werden, über
livorno zu meere nach genua fahren trotz meiner großen répugnance, bey
dieser Jahreszeit zur see zu gehen.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien