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Jänner 1842
d’hôte speiste mit Allegri, den ich zufällig da fand, und mehrern anderen
herrn, darunter ein Paar gescheidte franzosen, mit denen ich über Pöniten-
ziensysteme, findelhäuser etc. sprach, dann ging ich zu Zichy hinauf, bey
dem ich montenegro fand, und dann nach hause, wo ich nun sitze und froh
bin, endlich mit diesem langweiligsten aller tagebücher au courant gekom-
men zu seyn.
[florenz] 30. Jänner morgens
es war abermals ein manquirtes rendezvous, welches mich gestern Abends
von 8 bis 10 uhr zu hause hielt, ich sollte unserer verabredung gemäß sie
noch vor dem Balle sehen, aber ihr onkel hatte den unglücklichen gedan-
ken, bey ihrer toilette zu assistiren, und so j’en fus pour mon attente. Wenn
ich sage, sie, so spreche ich von clotilde, das ist die einzige sie, welche mich
jetzt beschäftigt.
um 11 uhr ging ich aufs casino, wo mich schnitzer dem cavaliere
d’ispezione vorstellte, es war eine furchtbare cohue und erinnerte mich an
einen mittelmäßigen Ball beym sperl,1 nur lange nicht so brillant. doch fand
ich ziemlich viele Bekannte. Bald nach mir kamen meyendorfs und lottum,
ich tanzte mit Beyden einen Walzer, jedoch sehr malgré moi, denn der saal
war schmal und schlecht, die unordnung grenzenlos, und die leute traten
mir zu meinem großen verdrusse wie toll und blind auf den füßen herum.
Wir waren mit meyendorf übereingekommen, den damen beym souper
bey orloff Bouquete zu geben, die sie unter ihren couverts finden sollten,
ich hatte comme de raison gräfin lottum auf mich genommen, und diese
erfuhr ich weiß nicht wie, daß ich ein solches bestellt habe, und stellte mich
beym tanzen darüber zur rede, um sie ein Bischen zu ärgern, sagte ich ihr,
gräfin reviczky, auf welche sie ohnehin, und zwar seit ich hier bin, doppelt
übel zu sprechen ist, habe mich um eines gebethen, und ich hätte es für sie
bestellt, sie wurde wüthend und sagte mir ganz kalt und kurz, ich hätte sehr
recht gethan. da erzählte ich ihr denn die Wahrheit, obwol es eigentlich eine
überraschung für sie hätte seyn sollen, übrigens échouirte dieses Projekt,
denn es fanden sich nur 2 Bouquets vor, meines und meyendorfs für gräfin
reviczky, und clotilde gab das meinige, wahrscheinlich aus einem mésen-
tente, an frau Baronin meyendorf, und ich konnte kein weiteres Aufheben
darüber machen.
um 2 uhr versammelten wir uns bey orloff, die damen waren clotilde,
meyendorf, reviczky, Würtemberg und larochePouchin, die herren nebst
den ehemännern colbert, froloff, levin, Bergmann, Zimmermann, obo-
lenski, retzberg, Belischnikoff, Allegri, livingston und ich, ich führte frau
1 Zum sperl, einer der beliebtesten und elegantesten Ballsäle Wiens in der leopoldstadt.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien