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Februar 1842
so daß mir einfiel, um sie zu ärgern, wiewohl ich recht gut weiß, daß sie
es nur thut pour sauver les apparences, ein Bischen zu kokettiren, ich fing
daher an, unverwandt in eine loge vis-à-vis hinüber zu schauen, ließ mich
mit fleiß ein paar male von ihr auf solchen langen Blicken ertappen, und es
währte nicht lange, so wurde clotilde zerstreut, still und fragte mich endlich
ziemlich brusquement, mit wem ich denn kokettire, ich hörte aber noch nicht
auf, setzte mich neben sie und schielte hinter ihrem rücken hinüber, das
wurde ihr dann zu arg, sie machte mich ganz förmlich aus und erklärte, sie
litte das nicht, so ging unser spiel fort, welches mich sehr amusirte.
Als sie fortging, ging ich auch, nach hause und zu ihr. da fand ich sie
ganz still und niedergeschlagen am kamin sitzen, zerstreut und nachden-
kend, gab mir nur halbe Antworten, ich glaubte Anfangs, es sey noch die
rückwirkung meiner manœuvres im theater, und schien daher dieses nicht
zu bemerken, sondern sprach und scherzte als ob nichts wäre, endlich aber
sagte sie mir, sie hätte heute sehr unangenehme Briefe erhalten. Anfangs
wollte sie mir deren gehalt nicht sagen, endlich aber erzählte sie mir, Brock-
hausen käme in diesen tagen hier an, sie habe heute einen Brief von ihm
erhalten, worin er ihr seine imminente Abreise ankündigte und sie bath, ihm
sogleich poste restante nach münchen und verona zu schreiben, er schreibt
ihr voll liebe und Zärtlichkeit, und was mehr als das ist, sie weiß, daß er
ihretwegen die größten opfer gebracht hat. um ihr näher zu seyn, hat er sei-
nen Posten in stockholm aufgegeben und sitzt nun seit monathen in Berlin,
um einen andern zu erhalten, jedoch werden die Aussichten immer trüber.
neapel, worauf er rechnete und das man ihm versprach, will nicht leer wer-
den, die unbegreifliche ernennung Bunsen’s nach london und des jungen
Werther nach der schweiz hat das Avancement gesperrt, und eine menge
favori’s des neuen königs drängen sich um ihn. indessen hat ihm der könig
vor seiner Abreise nach england erlaubt, bis auf Weiteres zu reisen, und das
will er nun thun und zu clotilden kommen, er scheint sehr aigrirt über alles
dieses.
clotilde fühlt sich nun in der unangenehmsten peinlichsten lage, sie liebt
ihn nicht mehr, und doch erkennt sie die großen opfer, die er ihr gebracht
hat, und die unmöglichkeit, sich hiernach von ihm loszusagen, sie ist ge-
rührt über seine hingebung und ängstiget sich über seinen bevorstehen-
den Besuch, welcher ihr so unangenehm ist, daß sie noch immer hofft und
wünscht, er möge nicht statthaben. Zugleich macht sie sich aber vorwürfe
über diesen Wunsch und diese hoffnung, und über ihre kälte gegen ihn.
nun war es an mir, still und nachdenkend zu werden, ich überlegte bey
mir, was ich nun thun und sagen sollte, sonderbar daß ich mich darüber
nicht so unglücklich fühlte, als ich gedacht hätte, zum theile wohl, weil ich
es nie so klar und deutlich gesehen hatte, daß sie mich wahrhaft und innig
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien