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Tagebücher250
liebt, als in der gegenwärtigen collission ihrer gefühle, sie gestand mir, wie
sehr sie mich, Brockhausen gegenüber, liebe, und daß sie es nie ertragen
würde, mit mir wieder auf den kälteren fuß einer bloßen freundschaft zu-
rückzukommen, aber sie hat nicht kraft genug, so großen opfern gegenüber
Brockhausen den Abschied zu geben, sie hatte bisher immer gehofft, wozu
ihr auch sein bisheriges Benehmen ursache gegeben hatte, er würde sein
verhältniß zu ihr von selbst aufgeben, auch ich hatte das geglaubt, und nun
schmerzt und embarassirt sie seine plötzlich wieder aufgeloderte leiden-
schaft, daß sie nur mich und ihn nicht mehr liebt, gestand sie mir ganz of-
fen, sie wollte nichts davon hören, ihr verhältniß zu mir abzubrechen, und
rechnet nach wie vor darauf, mich diesen sommer wieder zu sehen, ihre ge-
heime hoffnung, welche sie zwar nicht aussprach, die ich aber leicht errieth,
ist, Brockhausen werde sie verändert finden in herzen und neigung und
so seine verbindung mit ihr selbst aufgeben, sie zählt darauf, daß er nicht
gar lange bey ihr bleiben wird, ja sie versprach mir, ihm nicht mehr Alles zu
gestatten und dabey ihre gesundheit zum vorwand zu nehmen, darauf gab
sie mir Wort und hand. ich benahm mich ihr gegenüber so zart und delicat
als möglich, tiefbetrübt und résignirt, aber viel mehr mit ihr als mit mir be-
schäftigt, und ich glaube, daß sie mich seit gestern Abend heftiger liebt und
mich länger nicht vergessen wird als zuvor.
und so reise ich denn, um ein Zusammentreffen zu vermeiden, welches
ihr noch unangenehmer wäre, als mir, meine liebe nicht erloschen, aber
befriedigt, und sonderbar, aber ich glaube, ruhiger, als ich gekommen bin,
meine voraussehung – überhaupt glaube ich mich sehr genau zu kennen
– ist eingetroffen, und ich kann mich besser als vor 4 Wochen mit der idee
versöhnen, über diesen schönen, wenn auch nur kurzen, roman den vor-
hang fallen zu lassen und einen neuen Akt in dem drama meines lebens zu
beginnen. Wer ergründet das menschliche herz!?
[florenz] 6. februar
so sind denn diese schönen tage in Arranjuez zu ende, und es ist heute das
letzte mahl, daß ich dieses tagebuch von florenz datire, warum mußte eine
so herrliche Zeit so bald endigen? Wie traurig und farblos wird die nächst-
kommende seyn! und doch bereue ich es nicht, denn gleich nach dem ge-
nusse kommt die erinnerung an den genuß. und was verdanke ich dieser
frau nicht für erinnerungen, interlaken, genf, mailand und florenz, was
für schöne, verklärte lichtpunkte in meiner langweiligen existenz. sollte
diese wider sternenlauf und schicksal das bleiben, was sie bisher gewesen,
einförmig und dull, so werden diese momente wie helle sterne an einem um-
wölkten himmel glänzen, und sollte mir in Zukunft, wie ich es hoffe, ein be-
wegteres, thätigeres leben beschieden seyn, so werde ich mit Bewegung und
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien