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Februar 1842
sehnsucht an die tage zurückdenken, welche ich ihr verdanke und in denen
mir das zu theile wurde, was der ehrgeiz nicht gewähren kann, ein ruhiges
glück, eine wahre aufrichtige liebe. und hiermit sey denn dieser Abschnitt
in meinem leben geschlossen.
heute nachts um 4 uhr, nach dem veglione und meinem rendezvous,
dem letzten, jedoch hoffentlich nicht für immer, mit meiner clotilde reise ich
nach livorno und schiffe mich morgen um 3 nachmittags, trotz Wind und
Wetter, letzteres ist sonnig und schön, jener aber bläst mit immer gleicher
heftigkeit, nach genua ein.
so lief ich gestern herum, zu schnitzer, dann zum Banquier ferzi etc.
meine Anstalten treffen. clotilde hatte mich auf 4 uhr bestellt, und als ich
eine halbe stunde früher zu ihr kam, war sie noch nicht zu hause, ich ging
daher noch zu thurn’s, Abschied zu nehmen, und dann zu clotilden zurück,
eine viertelstunde war ich mit ihr allein, dann kam Bonetta zu meinem ver-
drusse, und als er, um ihrem friseur Platz zu machen, ging, ging auch ich,
sie sagte mir später, daß ich gegangen sey, habe sie sehr gerührt, und sie
hätte mich gerne zurückgerufen, ich ging dann noch ein Bischen herum und
dann ins hôtel du nord, wo ich an der table d’hôte speiste, ich saß vis-à-vis
von einer Art Aventurier, einem jungen blassen franzosen, dessen nahmen
ich vergaß und den ich oft in mailand bey mad. finklohr gesehen hatte.
die Polizey schickte ihn einiger schmutziger geschichten wegen fort, und ich
begegnete ihn seitdem öfters hier, wo er mir auszuweichen schien, womit ich
auch vollkommen einverstanden war, heute war dieses aber nicht mehr mög-
lich, und so sprach ich denn soviel als gerade nöthig war mit ihm. nach der
table d’hôte ging ich auf das Bureau des dampfschiffes francesco, mit dem
ich fahren sollte, dann zu vieusseux und endlich nach hause, mir war den
ganzen tag nicht wohl, eine Art von indigestion plagte mich seit gestern. ich
machte toilette und ging ins theater, saß lange in der lottum’schen loge
bey gräfin choiseul, die ich sehr liebe, und dann bey orloff. um 11 uhr ging
ich nach hause und wartete bey mir auf die rückkunft clotildens, welche
ihren Abend bey lady holland zugebracht hatte und bald kam, um wie sie
sagte, mich noch zu guter letzt ganz zu genießen.
ich sehe jetzt erst immer mehr ein, wie sehr mich dieser engel liebt, sie
sprach so innig und einfach herzlich von ihrem schmerze über meine Ab-
reise und von der leere, die sie dann empfinden würde, daß ich vor ihr nie-
derfallen und sie hätte anbethen mögen, es gibt eine menge trifles, die einen,
wenn man liebt, so unendlich freuen, z.B. sagte sie mir, von dem souper
sprechend, zu welchem ich auf dienstag geladen war, sie hätte da ein Berett
aufsetzen wollen, welches mir donnerstag im veglione so sehr gefiel, jetzt
aber würde sie es nicht thun, eben weil es mir so gefallen habe und ich nicht
mehr da seyn würde etc. Alles das mag einem kalten Zuhörer langweilig und
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien