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Tagebücher252
lächerlich vorkommen, vielleicht wird es mir in der Zukunft selbst einmahl
so erscheinen, jetzt aber fand ich es himmlisch und hinreißend, sie fragte
mich gestern mehrere male, ob ich mich wohl entschließen könnte, sie zu
heirathen, wenn sie einmahl frey würde, wer wäre glücklicher als ich, sie
sprach dann lange von mir, meinen ökonomischen und sonstigen verhält-
nissen. kurz, meine kühnsten Wünsche hätten sie nicht anders wollen kön-
nen, als sie war. sie fragte mich, ob sie einmal bey gelegenheit gabrielle’s
Bekanntschaft machen dürfe, etc. von Brockhausen wurde heute sehr wenig
gesprochen, sie hofft noch immer, er würde nicht oder doch nicht so bald
kommen. ihr Portrait versprach sie mir in ganz kurzer Zeit zu schicken.
An Bord des dampfschiffes francesco i. im hafen von livorno 7. februar
4 uhr nachmittags
gestern frühe stand ich wie gewöhnlich auf und traf die nöthigen Anstal-
ten, um mein haus zu bestellen. nach 1 uhr ging ich zu graf reviczky und
schnitzer, um Beyden noch meine Abschiedsvisiten zu machen, und dann zu
clotilde, wo ich Anfangs einige menschen fand, welche aber bald fortgingen,
so daß wir ungefähr eine halbe stunde allein blieben, bis Allegri unser tête-
à-tête unterbrach. gegen 5 uhr ging ich mit ihm aus, um den corso der Wa-
gen anzusehen, welcher von s. maria novella über den domplatz bis Piazza
s. croce geht, wir begnügten uns aber damit, bis auf den domplatz zu gehen,
welches hinreichte, um sämmtliche equipagen defiliren zu sehen. es war de-
ren eine unzahl, die große mehrheit elend und miethwägen, und dazwischen
einige equipagen in einer ganz kaiserlichen galla mit 6 Pferden, von gold
strotzenden livréen, Wägen und geschirren, was ich lächerlich fand, war
der läufer der duchesse de casigliano, welcher mit stock und Berett hinten
aufstand, und die outriders Poniatowskis, welche zur casquette gepuderte
Perücken auf hatten. überhaupt fand ich an diesen staatsequipagen wenig
geschmack und wenig ensemble.
nachher machte ich noch eine visite par note bey orloff. diese hatte mir
einen hund für ihre tochter orsini mitgeben wollen, ja sie hatte mir ihn
sogar schon geschickt, ich fand aber mittel, ihr ihn unter einem vorwande
wieder zurückzuschicken, und gestern im theater, als ich ihr dann meine
Abreise notificiren mußte, sagte ich ihr, ich werde erst des morgens um 8
uhr abfahren, so entkam ich dieser lästigen commission. nachdem ich dann
noch einen Augenblick zu vieusseux gegangen war, begab ich mich nach
hause, aß ganz allein und ziemlich schnell, weil ich eine menge leute und
cartes abzufertigen hatte, denn mein quart d’heure de rabelais hatte ge-
schlagen, machte dann toilette und fuhr zu Wasa. dort aber kam ich, wie
mir schien, ziemlich ungelegen und beynahe zu einer häuslichen szene,
im ersten Zimmer stand galen und lebzeltern, ganz verstört, im zweyten
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien