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Februar 1842
schmerz wird wohl doppelt nachkommen. ich nahm einen handschuh mit,
den sie auf der redoute getragen, und eine schleife. Beydes bewahre ich bey
mir als theueres Andenken.
endlich nach 1/2 5 uhr riß ich mich los und fuhr ab, die Pferde warteten
schon seit 1/4 4, denn mein Absagebothe hatte sie verfehlt.
tortona 8. februar 1/2 10 uhr Abends
da mir darum zu thun war, bey Zeiten in livorno anzukommen, um noch vor
der Abreise des dampfbootes, welche auf 3 uhr angesagt war, die nöthigen
Paß- und sonstigen formalitäten erfüllen zu können, so gab ich besonders
gute trinkgelder und fuhr daher wie besessen, ohne Pisa zu berühren, in ei-
nem Athem bis livorno, wo ich schlag 12 uhr ankam. die fahrt war äußerst
angenehm durch das herrliche Arnothal, aber mein inneres war zerrissen,
oder vielmehr noch verblüfft.
ich fuhr gleich vor das Bureau des francesco i., bezahlte meinen Platz,
ließ meinen Wagen und Jäger einschiffen, beauftragte Jemanden mit der
Besorgung der Pässe und ging dann in den Aigle noir, wo ich ein déjeuner
à la fourchette machte. meine eile war ganz überflüssig gewesen, denn in
livorno war die Abfahrt des francesco erst auf 4 uhr angezeigt, und man
sagte mir, es würde auch wohl bis 6 uhr währen.
ich ging also dann spatzieren, Anfangs lange auf dem großen Platze, wo
ich mich sonnte, dann am hafen etc., endlich machte ich einen kurzen Be-
such in dem magasin turc meines alten Bekannten Arbib, mit dem ich, als
ich 1838 mit Josephine Wallis und charlotte schönborn in livorno war, so-
viel zu thun hatte, ich kaufte aber dießmal nichts mit Ausnahme von cigar-
ren.
endlich um 4 uhr fuhr ich an Bord, es waren nicht viele reisende, dar-
unter die großherzogin von mecklenburg-strelitz, die kürzlich ihre tochter
in rom verloren. ich schrieb an meinem tagebuche, und um 6 uhr lichte-
ten wir die Anker. Bald darauf, jedoch ohne die geringste Anwandlung von
seekrankheit zu verspüren, denn die see war klar wie ein spiegel, legte ich
mich aus faulheit nieder und schlief oder ruhte in meinem cabinette bis
heute des morgens 7 uhr. Als ich dann aufstand, waren wir schon seit meh-
reren stunden im hafen vor genua, konnten aber nicht ans land steigen,
weil noch kein officier de santé gekommen war, auch währte dieses noch
über eine stunde, während dessen ging ich auf dem vordecke spatzieren.
endlich kam er, wir wurden wie gewöhnlich abgezählt, es gab unter andern
eine menge ausgedienter schweizersoldaten in neapolitanischen diensten,
die nach hause zurückkehrten, und ich fuhr ans land und ins hôtel des
quatre nations. da frühstückte ich etc., es wurde 1/2 11 uhr, bis mein Wa-
gen ausgeschifft war, und da noch etwas daran zu machen war, schrieb ich,
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien