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Februar 1842
unter andern fand ich auch Briefe von flore, die für mich eine sehr bril-
lante Parthie mit einer lady osborne, welche in Wien ist und 20.000 Pfund
einkünfte haben soll, arrangiren will. natürlich ist dieß bloßer diskurs, je-
doch schäme ich mich beynahe, es zu gestehen, daß ich trotz meiner jetzi-
gen stimmung zu einer solchen Parthie, wenn sie sich mir darbiethen sollte,
meine hand reichen würde. es wäre eigentlich ein verrath an zwey Perso-
nen zugleich, aber was soll ich thun? mein vermögen geht zu ende, und mit
meinen ideen und Weltansichten steigen auch meine Bedürfnisse.
mein gesuch ist bereits vor 14 tagen, allenthalben gut einbegleitet, nach
Wien abgegangen, nur hat spaur auf meine übersetzung nach venedig
angetragen. das Alles berührt mich jetzt nicht, oder doch nur wenig, denn
mein reich ist nicht von dieser Welt, meine gedanken sind anderswo. ekel-
haft und unausstehlich aber wird mir die Wiederaufnahme meiner bureau-
kratischen Beschäftigungen, ich kann es nicht sagen, welche marter es ist,
so mit innerem Widerwillen sein handwerk zu treiben, über welches man
sich in jedem Augenblicke schämt und ärgert. das muß anders werden, und
dafür hoffe ich auf meine bevorstehende reise nach Wien, die ich längstens
Anfangs märz anzutreten gedenke. hätten mich dergleichen Ahnungen
nicht schon öfters getäuscht, so würde ich sagen, ich ahne eine baldige lö-
sung zum Bessern.
hoffmann1 hat mein manuscript bereits seit einiger Zeit in händen, je-
doch ist darüber noch keine Antwort erfolgt.
Am mittwoche, Aschermittwoche, dem 9. frühe zwischen 8 und 9 uhr kam
ich hier an und machte gleich die nöthigen Besuche, Alles kannte die ursa-
che meiner unfreywilligen verspätung. der carnevalone ging seinen gang,
vom schönsten Wetter begünstigt, der zweyte corso und der zweyte veglione
waren beyde sehr glänzend, auf letzterm blieb ich durch eine maske festge-
halten bis gegen 7 uhr früh, sie gab mir, ein schnupftuch als unterpfand
zurücklassend, ein rendezvous auf dem gestrigen fastencorso, welches sie
auch einhielt, doch fand ich sie da weniger schön, als ich gehofft und ge-
wünscht hatte. samstag waren die gewöhnlichen Bälle in beyden casinos,
ich tanzte aber, wie diesen fasching in mailand überhaupt, nur was ich
mußte, nämlich einen Walzer mit erzherzogin Adèle. An beyden veglione’s
soupirte ich bey orsini in der loge bald in größerer, bald geringerer gesell-
schaft, daß ich bey Allem dem ziemlich ennuyirt und theilnahmslos blieb,
versteht sich von selbst. Jetzt warte ich mit schmerzen und sehnsucht auf
einen Brief von meiner clotilde, die mir versprochen hat, mir am Ascher-
mittwoche zu schreiben, und ich begreife nicht, daß ich diesen noch nicht
erhalten habe.
1 gemeint ist Julius campe, der inhaber des verlags hoffmann & campe in hamburg.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien