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Tagebücher258
[mailand] 18. februar
Alle diese tage über war ich in einer fieberhaften ungeduld nach Briefen
von meiner clotilde. diese stieg mit jedem tage, und die abentheuerlich-
sten Befürchtungen stiegen in mir auf, bald dachte ich, sie sey krank, bald,
Brockhausen sey in florenz angekommen, und trotz allem, was sie mir
gesagt hatte, habe sie mich über ihn vergessen, kurz wie man in solchen
fällen sich immer de gaieté de cour zu quälen pflegt, so that auch ich, ich
glaube nicht, daß ich jemahls in meinem leben mit solcher spannung auf
einen Brief gewartet habe, ausgenommen zur Zeit meiner studentenstrei-
che in stuttgart anno salutis 1830. vorgestern frühe schickte ich ihr durch
den courier ein Paket mit mustern zu kleidern, worum sie mich gebethen
hatte, und die mir gabrielle aussuchen mußte, ich schloß diesem einen Brief
bey, worin ich ihr über ihr unerklärliches schweigen zwar keine bitteren
vorwürfe machte, aber um desto mehr von meinem kummer und meiner
kränkung darüber sprach.
endlich konnte ich es gestern nachmittags, als noch immer kein Brief
kam, nicht länger aushalten, ich ging bloß wie zufällig und pour l’acquit de
ma conscience auf die Post, und siehe da. da lag schon seit 3 tagen ein lan-
ger schöner Brief von clotilde, da war denn Alles wieder gut und vergessen,
sie schrieb ganz so wie ich es wünschte, noch ganz traurig und trüber stim-
mung, und meinte, wie ihr Alles so verändert und farblos vorkomme, seit ich
weg sey. et moi donc? heute früh antwortete ich ihr denn sogleich, um ihr
répatation d’honneur zu machen und sie für meinen vorgestrigen Brief um
vergebung zu bitten.
meine stimmung wird, statt sich nach und nach aufzuheitern, nur immer
und mit jedem tage trüber, meine gedanken wandern immer ausschließ-
licher nach florenz, und mir scheint, ich liebe clotilde mit jedem tage lei-
denschaftlicher. noch nie früher in meinem leben habe ich einen solchen
stillstand in meinen ideen, eine solche ausschließliche concentration aller
meiner gedanken auf einen gegenstand in mir beobachtet wie jetzt, selbst
im Jahre 1836, als ich mich von Auguste, wie ich damals glaubte, auf ewig,
trennen mußte, da war mir vielleicht in der ersten Zeit jämmerlicher und
weinerlich zu muthe, auch war ich damals erst 23 Jahre alt, aber eine solche
Absorbirung aller meiner gedanken, eine so komplete Apathie gegen Alles
andere hatte ich damals nicht wie jetzt. mir wird zuweilen ordentlich Angst
über diese veränderung, und ich hoffe und glaube noch immer, sie wird von
keiner langen dauer seyn, und nachher wird Alles in mir wieder in sein
gewohntes geleise zurücktreten. Jetzt aber bin ich zu jeder Beschäftigung
wahrhaftig unfähig.
einen theil dieser beyspiellosen Praeoccupation aber schreibe ich meinem
jetzigen physischen Zustande [zu], ich habe nämlich schon seit 4–5 tagen
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien