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Februar 1842
eine Art von katarrhalfieber, welches sich nun seit gestern in den wahn-
sinnigsten schnupfen von der Welt aufgelöst hat. das hindert mich nun
zwar nicht auszugehen, doch ist mein kopf dergestalt eingenommen, daß
ich kaum im stande bin, mich mit irgend etwas zu beschäftigen. ungeachtet
dessen aber ging ich gestern Abends zu orsini, welche heute nachmittag
nach florenz abreiste, wo sie übermorgen sonntag bey ihren Ältern speisen
wird. die glückliche, könnte ich doch mit, ich fand einen vorwand, daß sie
mir wird schreiben müssen, vielleicht sagt sie mir da auch etwas von gräfin
lottum (thut sie es nicht, so ist es reine Bosheit, denn sie weiß recht gut,
was zwischen uns besteht, so wie es überhaupt sehr viele leute in mailand
wissen), und so ersehne ich denn auch von Andern etwas über sie. morgen
schicke ich ein Paket mit französischen theaterstücken an hélène Würtem-
berg, da wird mir die hoffentlich auch schreiben und gewiß etwas über clo-
tilde einfließen lassen, wenn nichts anders, une méchanceté.
daß mich unter solchen verhältnissen Alles ennuyirt, begreift sich, auch
gehe ich sehr wenig unter leute, ausgenommen an meinen gewohnten tisch
bey cova, und die Abende bin ich oft bey gabrielle, da spreche ich von dem
was mich beschäftigt, und dieses ist mir lieber als Alles andere.
Böckmann hat mir heute geantwortet, er stände eben von einer krankheit
auf und könne mir daher die gewünschte Arbeit nicht besorgen, übrigens
zweifle er nicht, daß sein schwager trotz seiner reise sein versprechen in
kurzem erfüllen werde, dummes geschwätz, so muß ich mich denn wegen
der gewünschten renseignements wo anders umsehen, aber wo?
[mailand] 24. februar
es sind unangenehme tage, die ich jetzt hier verlebe, ganz das Widerspiel
des sprichwortes post nubila Phoebus, hier heißt es post Phoebum nubes,
seit der taumel und die Zerstreuung des carnevalone, die mich nicht zu sin-
nen kommen ließen, verflogen sind, quälten mich Anfangs meine noch fri-
schen und schmerzlichen rückerinnerungen an florenz und an meine clo-
tilde, diesen unvergeßlichen Punkt in meinem leben, und nun praeoccupirt
mich nicht minder, nur in einer andern Weise unangemessen, meine bevor-
stehende Abreise nach Wien und die hundert kleinen, aber darum nicht we-
niger vexanten hindernisse und Anstände, die sich mir da entgegen stellen.
da verwünsche ich denn tausendmahl im tage meine gedrückte gebundene
stellung und die gottverfluchte Bureaukratie, welche nur immer darauf hin-
ausgeht, einem enger und enger die hände zu binden. da habe ich dann erst
einen strauß mit dem delegaten, dann mit dem gouverneur und gott weiß
noch wem zu bestehen, nebstdem die fragen und Bemerkungen von eini-
gen dutzend solcher kerle zu ertragen, was für miserabilitäten verpfuschen
einem doch das kurze und ohnehin langweilige leben! werde ich diese nie
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien