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März 1842
gastwirthen von laveno am lago maggiore, der einer erbschaft wegen
zum ersten mahle in seinem leben die lombardie verläßt und nach czaslau
reist, mit ihm und seinem dummen geschwätze hatte ich die ganze reise
über meinen spaß, maltraitirte ihn aber auch zuweilen gehörig.
montag um 10 uhr waren wir in verona, wo wir 2 stunden blieben,
Abends in treviso, wo ich thee trank, und dienstag 11 uhr in udine, immer
das herrlichste Wetter von der Welt, ja beynahe heiß, vor vicenza hatten wir
sogar einen kurzen hagelschauer, die Wege vortrefflich und die ganze reise
recht angenehm.
in udine, wo ich, seit ich es 1836 verließ, nicht mehr gewesen war, freute
es mich sehr, alle die bekannten dinge und gesichter wieder zu sehen,
die mich an hundert längst vergessene geschichtchen erinnerten. in der
europe, wo ich abstieg, bezeigten mir Wirth und Wirthin eine unendliche
freude über mein erscheinen und wollten mich kaum weglassen. Als ich,
nachdem ich gegessen hatte, ein wenig herumsteigen wollte, begegnete ich
dann gleich den guten stainero, der mir alles neue und interessante von
udine erzählte, was freylich sehr wenig ist. doch aber freute es mich, es thut
einem wohl, von Zeit zu Zeit in einen solchen ort zurückzukommen, wo im-
mer Alles sich gleich bleibt, und man hat zuweilen Anwandlungen von sehn-
sucht nach einer solchen stabilität, nach „des stillen Baches ebner fläche.“1
gegen 1 uhr fuhr ich weiter und passirte am Abende die Pontebba. mor-
gens 8 uhr waren wir in klagenfurt. da war mir aber sehr krank und elend,
ich hatte unvorsichtiger Weise seit udine nichts Warmes genommen, und
sey es nun dieß oder sonst etwas, kurz ich befand mich sehr übel, erbrach
mich ein Paar male und blieb trotz suppen und geschichten den ganzen
vormittag unwohl. gegessen wurde in neumarkt und dann die langweilige
reise durch diese traurigen einförmigen gegenden fortgesetzt. donnerstag
früh 5 uhr frühstückte ich in Bruck, passirte gegen 11 uhr den semmering
zum ersten male auf der neuen straße,2 speiste in neunkirchen und war vor
9 uhr Abends in Wien angelangt, was beynahe beyspiellos gut gefahren war,
da der courier sonst erst spät in der nacht, oft erst das morgens, ankömmt.
im römischen kaiser war ein Zimmer bestellt, und so fuhr ich dahin.
Wie ich in Wien einfuhr, und am ganzen selben Abende, empfand ich
ein solches gefühl von niedergeschlagenheit und muthlosigkeit, daß ich es
kaum ertragen konnte. Alle die kleinen tracasseries, die ich hier schon erlit-
ten habe, und denen ich entgegen gehe, fielen mit Zentnerlast auf mich, die
1 Aus friedrich v. schillers gedicht An die freunde.
2 die neue straße über den semmering war am 17.8.1841 durch kaiser ferdinand eröffnet
worden. durch kunstbauten und die führung in serpentinen wurde die notwendigkeit des
vorspanns stark reduziert.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien