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schwierigkeiten, die sich der Ausführung meines Projektes entgegen stel-
len, schienen mir unübersteiglicher als jemals, ich sah alle die steifen, bu-
reaukratischen, nüchternen gesichter vor mir und dachte mir, mit welchem
mißbilligenden erstaunen sie meine reden anhören würden, kurz Wien, die
vaterstadt der dummheit und Alltäglichkeit, übte seinen Zauber auf mich
aus.
diese stimmung dauerte und dauert zum theile noch fort, und die ver-
hältnisse des Augenblickes scheinen sie zu rechtfertigen: gräfin kolowrat ist
am dienstage gestorben, also ihr mann in seiner trauer absorbirt. August
lobkowitz, auf den ich so sehr zählte und der mir der einzige der hiesigen
Potentaten schien, bey welchem ich auf sympathie rechnen konnte, ist plötz-
lich vorgestern, am tage meiner Ankunft, verschieden, und lerchenfeld geht
übermorgen an seine neue Bestimmung frankfurt ab. diesen suchte ich ge-
stern vergebens auf, heute endlich fand ich ihn und komme eben von da,
er meint, Aufträge von den regierungen des deutschen Zollvereines, wenn
ich auch welche erhalten sollte, vertrügen sich mit denen nicht, welche ich
von der österreichischen erhalten könnte, und ich könnte mir daher nur bey
meiner eigenen regierung schaden, wenn ich welche begehren würde. Al-
les was ich daher thun könnte, wäre, mich durch die hiesige preußische ge-
sandtschaft den preußischen consuln in Amerika besonders anempfehlen zu
lassen, worauf ich dann nach meiner rückkehr die resultate meiner Beob-
achtungen in Berlin vorlegen könnte. den geldpunkt berührte ich natürlich
unter diesen umständen gar nicht.
trotz aller dieser bedeutenden déconvenues ist mein entschluß, meine
hoffnung so intensiv, daß ich weder muth noch vertrauen sinken lasse, wie-
wohl mir gerade nicht rosenfarb zu muthe ist, es scheint mir unmöglich, mit
einem so festen vorhaben zu échouiren, und ich bereite mich auf meinen
rüstigen angestrengten kampf.
mein erster gang war wie natürlich zu flore, die ich wenig verändert
fand, ihr Appartement ist das allerniedlichste köstlichste Bijou, welches ich
mein leben lang gesehen, so von dem allerbesten geschmacke, daß ich mich
nicht satt daran sehen konnte. Abends nach dem theater trank ich noch
thee bey ihr, ich hatte, um meine gute cerrito tanzen zu sehen, einen sitz
im kärnthnerthortheater genommen, war aber, noch frisch die scala im An-
denken, höchlichst désappointirt über die erbärmlichkeit der decoration,
costumes und des Balletkorps, nur die cerrito war charmant wie immer.
[Wien] 23. märz morgens
die Aussichten werden immer trüber und trüber, und es gehört die ganze
elastizität meines geistes dazu, um nicht in muthlosigkeit zu versinken.
Wohl praeparirt und mit einer halb im voraus einstudirten rede ging ich
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien