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„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ - Tagebücher 1839–1858, Band I
Seite - 266 -
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Tagebücher266 schwierigkeiten, die sich der Ausführung meines Projektes entgegen stel- len, schienen mir unübersteiglicher als jemals, ich sah alle die steifen, bu- reaukratischen, nüchternen gesichter vor mir und dachte mir, mit welchem mißbilligenden erstaunen sie meine reden anhören würden, kurz Wien, die vaterstadt der dummheit und Alltäglichkeit, übte seinen Zauber auf mich aus. diese stimmung dauerte und dauert zum theile noch fort, und die ver- hältnisse des Augenblickes scheinen sie zu rechtfertigen: gräfin kolowrat ist am dienstage gestorben, also ihr mann in seiner trauer absorbirt. August lobkowitz, auf den ich so sehr zählte und der mir der einzige der hiesigen Potentaten schien, bey welchem ich auf sympathie rechnen konnte, ist plötz- lich vorgestern, am tage meiner Ankunft, verschieden, und lerchenfeld geht übermorgen an seine neue Bestimmung frankfurt ab. diesen suchte ich ge- stern vergebens auf, heute endlich fand ich ihn und komme eben von da, er meint, Aufträge von den regierungen des deutschen Zollvereines, wenn ich auch welche erhalten sollte, vertrügen sich mit denen nicht, welche ich von der österreichischen erhalten könnte, und ich könnte mir daher nur bey meiner eigenen regierung schaden, wenn ich welche begehren würde. Al- les was ich daher thun könnte, wäre, mich durch die hiesige preußische ge- sandtschaft den preußischen consuln in Amerika besonders anempfehlen zu lassen, worauf ich dann nach meiner rückkehr die resultate meiner Beob- achtungen in Berlin vorlegen könnte. den geldpunkt berührte ich natürlich unter diesen umständen gar nicht. trotz aller dieser bedeutenden déconvenues ist mein entschluß, meine hoffnung so intensiv, daß ich weder muth noch vertrauen sinken lasse, wie- wohl mir gerade nicht rosenfarb zu muthe ist, es scheint mir unmöglich, mit einem so festen vorhaben zu échouiren, und ich bereite mich auf meinen rüstigen angestrengten kampf. mein erster gang war wie natürlich zu flore, die ich wenig verändert fand, ihr Appartement ist das allerniedlichste köstlichste Bijou, welches ich mein leben lang gesehen, so von dem allerbesten geschmacke, daß ich mich nicht satt daran sehen konnte. Abends nach dem theater trank ich noch thee bey ihr, ich hatte, um meine gute cerrito tanzen zu sehen, einen sitz im kärnthnerthortheater genommen, war aber, noch frisch die scala im An- denken, höchlichst désappointirt über die erbärmlichkeit der decoration, costumes und des Balletkorps, nur die cerrito war charmant wie immer. [Wien] 23. märz morgens die Aussichten werden immer trüber und trüber, und es gehört die ganze elastizität meines geistes dazu, um nicht in muthlosigkeit zu versinken. Wohl praeparirt und mit einer halb im voraus einstudirten rede ging ich
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„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ Tagebücher 1839–1858, Band I
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Titel
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Untertitel
Tagebücher 1839–1858
Band
I
Autor
Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
Herausgeber
Franz Adlgasser
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2011
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC-ND 4.0
ISBN
978-3-205-78612-2
Abmessungen
17.0 x 24.0 cm
Seiten
744
Schlagwörter
Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
Kategorie
Biographien

Inhaltsverzeichnis

  1. Vorwort (Ffritz Fellner) 9
  2. Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg (1813–1858) – eine Lebensskizze 11
  3. Überlieferung der tagebücher 37
  4. Editionsrichtlinien 41
  5. Tagebücher 1839–1847 43
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