Seite - 273 - in „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ - Tagebücher 1839–1858, Band I
Bild der Seite - 273 -
Text der Seite - 273 -
2738.
April 1842
conversation, und dabey dem ermüdenden lärmen und geschrey und der
ewigen hetze. die einzigen wirklich angenehmen stunden, die ich hier pas-
sire, sind mit und bey fremden, bey lerchenfeld, tettenborn etc., wo nicht
viel menschen, aber fast lauter Ausländer hinkommen, Baron löwenstern
dänischer gesandter, die damen langenau, scharnhorst etc., die beyden
Buseck etc. Auch meine alte freundin gräfinn seilern ist eine sehr liebens-
würdige frau, die ich aber bisher noch wenig sah, da es mir hiezu wirklich
an Zeit mangelte. Alles übrige ist mehr oder weniger vulgaire, so sehr es sich
auch spreitzt und elegant scheinen möchte. meine freundin natalie Palfy
ist auch weg mit einem Briefe an die orloff, den ich ihr mitgab, sie ahnt, sie
werde in italien einen Amant finden, der ferdinand trautmansdorf ersetzen
soll. dieser Amant soll mit einem P anfangen, und auf y enden, und deßhalb
ängstigt sie sich sehr, daß die Poniatowsky’s zu den coursen hieher kommen
und sie sie daher verfehlen dürfte – quelle ingenuité.
ich hatte letzthin ein paar recht hübsche diners, eines bey meinem neuen
freunde Weikersheim, wo ich le grand personnage vorstellte und zwischen
der frau vom hause und der hofschauspielerin mad. rettich saß, die eine
äußerst gebildete und liebenswürdige Person ist. sonst waren von merkwür-
digen leuten noch da: castelli und die schöne Prima donna der italienischen
oper, signora malvani, die schönsten Augen, die man sehen kann, ich hatte
ihr von mailand aus, ohne sie noch zu kennen, Briefe nach triest mitgegeben,
wo sie diesen fasching sang, und machte nun hier ihre persönliche Bekannt-
schaft, welche ich, wofern ich die physische Zeit dazu habe, zu kultiviren ge-
denke, da sie wirklich magnifique und dabey sehr comme il faut ist, was zwar
für mich nur einen sehr zweifelhaften Werth hat. ein anderes charmantes di-
ner hatte ich diese tage bey tettenborn mit einem großen theile des hiesigen
männlichen diplomatischen korps: medem, könneritz, canitz, struve, löwen-
stern etc. mit löwenstern und den beyden Buseck’s machten wir letzthin auch
eine ganz amusante échappée ins elysium, wohin wir die damen lerchenfeld
chaperonnirten, welche es vor ihrer Abreise sehen wollten. es war großer Ball
und venezianischer maskenzug. Wir durchwanderten da sämmtliche 5 Welt-
theile, bewunderten die eisenbahnen und Affen und Wasserfälle in Amerika,
die sultaninnen und das serail in Asien etc. und gingen dann nach hause.1
den größten theil meiner Apréssoiréen bringe ich im club zu, welcher
recht angenehm und comfortable ist, die oper hat seit 8 tagen begonnen mit
einem scheußlichen fiasco der marini und der oper la vestale, nun gibt man
Anna Bolena, welche aber nur um weniges besser gefällt. heute schneyt es
wie toll – o schönes italien!
1 das neue elysium von Josef georg daum war 1840 eröffnet worden. es bot neben schau-
stellungen – u.a. der kontinente – auch theateraufführungen, konzerte, Bälle etc.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien