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wißheit, bis wann ich diese zu irgend einem resultate bringen werde. mein
urlaub geht am 24. dieses monats aus, und obwol spaur, der meine ideen
kennt, mir gleich im vorhinein im falle ich eine verlängerung brauchen
würde, diese zugesichert hat, ich habe sie auch bereits in diesen tagen auf
weitere 4 Wochen angesucht, so kann ich doch ohne zu risquiren ihn gegen
mich aufzubringen, was mir in jedem falle nachtheilig seyn könnte, diese
verlängerungen nicht endlos wiederholen. Zudem habe ich auch das hiesige
leben, das Warten, die ungewißheit bald satt, und nebstdem sind die ko-
sten meines Aufenthaltes hier sehr bedeutend. Aus allen diesen gründen
sehne ich mich nach mailand zurück, und doch fürchte ich, daß auch binnen
dieser nächsten 4 Wochen die sache nicht so weit gediehen seyn wird, um
meine Abreise zu gestatten. Wenn diese nur soweit gediehen seyn sollte, ich
ginge gleich nach mailand zurück, nur müßte ich dann hier einen tauglichen
und gut gestellten Bevollmächtigten zurücklassen, und wo einen solchen fin-
den? Alles das geht mir nun im kopfe herum. nebstdem gehen auch meine
Privatgeschäfte einen verzweifelten schneckengang, der gute desimon wird
alt, und ganz görz ist in lethargie versunken, daß man vor ungeduld ber-
sten möchte.
so wenig sinn und lust ich auch gegenwärtig für die große Welt und ihre
salons habe, besonders mühsam und wenig lohnend wie sie es hier ist, so
wünschte ich doch sehr, mir einen Zugang in den intimen Zirkel bey met-
ternich zu verschaffen, weil mir dieses für meine Pläne sehr nützlich wäre,
aber gerade da weiß ich nicht recht wie ich es anfangen soll, ich habe diesen
salon leider, als ich noch in Wien lebte und fereirte [sic], und auch bey mei-
nen späteren séjours hier, immer nur zu sehr vernachlässigt, was ich jetzt
bereue, zudem ist fürstinn mélanie sehr wenig aimable und encourageant,
und ich habe nicht mehr den front d’airain, welchen ich ehemals hatte, und
bin von einer vielleicht übertriebenen susceptibilität, so daß ich mich um
keinen Preis aventuriren wollte, daher studire und sinne ich hin und her,
wie ich dieses anfangen soll, darüber aber verstreicht die Zeit, und es wird
wohl nichts daraus werden, so gut und nützlich es mir auch wäre.
vor acht tagen hatte ich eine Audienz bey der kaiserinn mutter,1 welche
sich eine halbe stunde lang sehr gnädig und freundlich mit mir unterhielt.
die ganze vergangene Woche hatte ich hofdienst. von sonntag bis mitt-
woche bey der regierenden kaiserinn, die mir aber gar nichts zu thun gab,
und die drey letzten tage beym kaiser, wo ich um 3/4 8 früh schon da seyn
mußte. gleich am donnerstage war ich mit ihm bey der öffentlichen Audi-
enz – pauvre sire! – ich mußte mir Anfangs gewalt anthun, um nicht zu
1 karoline Auguste, die vierte gattin und Witwe von kaiser franz. sie war nur um ein Jahr
älter als ihr stiefsohn kaiser ferdinand.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien