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April 1842
ich packe die sache von dem anderen ende an und bekomme auch wohl noch
die gehofften kommerziellen Aufträge, besonders wenn die minen glücklich
springen, die ich in triest angelegt habe. eben übermorgen geht Weikers-
heim dahin ab, und dem will ich meine instruktionen mitgeben.
sollte sich aber das entsetzliche begeben, und meine gedanken, meine
entwürfe, diese lieblingskinder meines kopfes gingen unter in dem moraste
armseliger dummheit, und ich müßte wieder zurückkehren mein mühlrad
treiben, an das ich wie ein zweyter ixion gefesselt bin, dann wäre es aus, auf
immer aus mit der möglichkeit, meinen innersten Beruf mit meiner stel-
lung zu vereinigen, und ein schmerzhafter Bruch mit Allem, was um mich,
und auch mit manchem was in mir ist, wäre unvermeidlich, und übel würde
dieß denen bekommen, die mich in dieses blutige dilemma hinein gestoßen
haben, aber übel auch mir, denn nicht ohne einen gewaltigen riß im her-
zen würde ich meiner neuen Bestimmung folgen. Wäre doch nur mein Buch
schon gedruckt, dann käme vielleicht Alles zum Ausbruch.
morgen gehen lerchenfelds weg, ich trank heute noch meinen thee bey
ihnen, es waren ziemlich viele menschen da, was ist doch die Welt für ein
albernes unding. da sitzen 30 menschen beysammen, und jeder hat seinen
Wurm, seinen moder, seine fäulniß im herzen, aber keiner spricht davon,
sondern sie sitzen da, lächeln so dumm in die Welt hinein und reden von
opern und kreuzerwürsten, wie der spieler mit den blutigen nägeln im Bu-
sen, ein Possenspiel, zu niemands frommen, aber zur marter und degrada-
tion eines jeden einzelnen. o menschenpack!
[Wien] 27. April
um über die ursache der letzten événements etwas näheres zu erfahren,
ging ich heute vormittag zu Baron geringer, mit dem ich eine lange un-
terredung hatte. mittrowsky hat, ohne sich weder über meine Person noch
über meinen Plan auszusprechen, bloß ganz einfach die letzten Berichte
über mich mitgetheilt, also war es das nicht, was mir den gnadenstoß gab,
denn diese Berichte waren nicht anders als günstig. Alles was ich aus ge-
ringer herausbringen konnte, der auch selbst nicht mehr zu wissen schien,
war, daß kübeck in der neuesten Zeit seine Ansichten geändert habe und
die benöthigten notizen lieber von kaufmännischen Berichten und von den
gewerbvereinen abwarten wolle, als selbsthandelnd aufzutreten, daß die
ähnliche, obwohl ich diese Ähnlichkeit nicht zugab, reise friedrichsthal’s,
der mit einer unterstützung von seiten der regierung reiste, und dessen
unternehmen nun so ganz ohne resultate geblieben ist, dem meinigen ge-
schadet haben könne, daß kübeck eine collision mit mittrowsky gefürchtet
habe. Alles dieses aber genügt mir nicht, und ich werde wohl schwerlich je-
mahls die ganze Wahrheit erfahren. übrigens meinte geringer selbst, daß
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien