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Tagebücher282
wenn ich die reise dennoch unternehme, specielle Andeutungen von seiten
kübecks nicht ausbleiben würden, nur die initiative habe er nicht ergrei-
fen wollen. ich sagte ihm, Alles was ich nun wünschte, wäre, daß er sich
bey gelegenheit gegen fürst metternich über mein reiseprojekt wenigstens
günstig aussprechen wolle, als dieses nach seiner gestrigen mittheilung kon-
sequenter Weise möglich wäre, nähmlich daß er wenigstens den nutzen, der
möglicherweise der regierung daraus erwachsen könnte, nicht in Abrede
stellen wolle, und dieses glaube ich erwarten zu dürfen. mit kübeck selbst
unter diesen umständen zu sprechen, wäre überflüssig, und wie mir schien,
ihm vielleicht unangenehm gewesen, doch werde ich jedenfalls, ehe ich Wien
verlasse, noch einmahl zu ihm gehen, um ihm zu sagen, daß ich, wenn auch
vielleicht nicht für den Augenblick, doch für die Zukunft bey meinem Plan
beharre, und ihn zu bitten, dieß für jeden möglichen fall in seinem gedächt-
nisse zu registriren.
Wegen der friedrichsthal’schen Papiere erfuhr ich heute endlich etwas
Bestimmtes. Alles was davon existirt, ist in mähren auf seinem gütchen,
hier ist nichts, kisten mit sammlungen etc. werden noch über triest erwar-
tet, die mutter scheint nichts herausgeben und damit eine speculation ma-
chen zu wollen, doch will ich hierüber noch mit dessen oheim, dem kaplan
des invalidenhauses v. goldberg, sprechen, was ich heute versuchte, ihn
aber nicht traf. die reise, welche 3 volle Jahre, d.i. von oktober 1838 bis ok-
tober 1841 währte, hat ihn 16.000 fl. cm gekostet, von der regierung erhielt
er einen Zuschuß von 3000 fl.
endlich ertheilte ich heute Weikersheim, der morgen nach triest abgeht,
meine instruktionen, er soll dem lloyd von meinen Projekten sprechen, von
meiner letzten déconfiture sprach ich ihm wie natürlich nicht, und sie dahin
bringen, gleichsam motu proprio und ohne meiner zu erwähnen an den für-
sten metternich, der ohnehin Protektor von lloyd ist, eine gleichlautende
Bitte zu stellen. natürlich habe ich ihm dazu meine Aussichten weit brillan-
ter geschildert, als sie es wirklich sind.
Wie man sieht, kämpfe ich tapfer gegen mein schicksal, verhehle mir aber
nicht, daß ich nur einen hoffnungsstrahl noch übrig habe, nämlich den für-
sten metternich persönlich für meine ideen gewinnen, ihn dafür montiren zu
können, indem ich nun wenigstens auf das aktive einschreiten kübecks zu
meinen gunsten verzichten muß, eine sehr schwache chance.
[Wien] 1. mai Abends
heute hoch, morgen niedrig auf den Wellen des glückes, so geht es unse-
rem lebensschifflein. donnerstag den 28., als meine hoffnungen gerade
sehr niedrig standen, sagte mir flore, Bombelles hätte in ihrem vorzimmer
die Post hinterlassen, daß er mir Wichtiges mitzutheilen hätte, ich ging also
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien