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zu einer vergeltung verpflichtet, und dann, qui pis est, kann ich in diesem
falle nur sehr schwerlich auf eine geldunterstützung rechnen, welche doch
die conditio sine qua non des ganzen unternehmens ist.
um dieses in der gewünschten Art, nehmlich unter jener speciellen theil-
nahme und Beförderung von seiten der regierung ausführen zu können,
wäre nothwendig, entweder daß fürst metternich, sey es nun aus politi-
schen, commerciellen, wissenschaftlichen oder sonstigen gründen, ein be-
sonderes interesse daran nähme, und ob dieses geschehen wird, kann ich
erst wissen, wenn ich mit ihm gesprochen haben werde, oder daß kübeck,
wie ich Anfangs so zuversichtlich erwarten mußte, aus finanziellen rück-
sichten an der sache ein besonderes gefallen fände und auch dem fürsten
zu ihren gunsten spräche. dieser letztere Weg wäre der beste, natürlich-
ste und wahrscheinlichste gewesen, und Alle, sowohl hügel als Bombelles,
und dieser letztere namentlich bey unsrer heutigen unterredung, wiesen
mich darauf hin, und ich konnte mich nicht entschließen, ihnen die uner-
wartete Abweisung, die ich hier erfahren habe, zu erzählen, da sie dahinter
vielleicht andere mir nachtheilige motive gesucht hätten, doch aber werde
ich es endlich, und zwar bald, wenigstens Bombelles sagen müssen, damit
er nicht denke, ich wolle mit ihm ein falsches spiel spielen. von kübeck ist
also nichts zu erwarten, und sein negatives verhalten wird mir, fürchte ich,
bey einer sache, wobey doch sein département vorzugsweise, wo nicht aus-
schließlich betheiliget ist, beynahe eben so schädlich seyn als eine offene op-
position. seinen sinn zu ändern, darf ich nicht mehr hoffen, aber was in aller
Welt hat ihn in der letzten Zeit so geändert?
von öttl und triest, auf das vielleicht auch etwas zu zählen wäre, noch
immer keine Antwort! ich fange fast an, eine unterschlagung meiner Briefe
zu fürchten.
heute als am ersten may war der Prater sehr brillant, jedoch gerade keine
menge schöner equipagen, sondern mit wenigen Ausnahmen ziemlich mit-
telmäßig. ein arrangirtes diner im Prater war durch einen Zufall zu Wasser
geworden, und so aß ich ganz allein im lamme und ging dann zu fuße hin-
aus, wo ich aber eine menge Bekannte fand, mit denen ich mich als observa-
tionscorps aufstellte. übrigens hasse ich alle dergleichen corsos und shows
und begreife sie höchstens wenn man reitet, und auch da kaum. gestern war
der letzte samstags-Ball bey lichtenstein, recht hübsch, ich sprach wieder
einmahl lange mit fürstinn thérèse [esterházy], ein mir fataler französi-
scher Attaché, mr. de reculot, brach sich beynahe das genick und riß im
fallen einen ganzen theetisch um, es war ein lärmen, als ob das haus ein-
stürzte. letzthin hatte ich ein concert bey Weikersheim. lauter plebs, und
dießmal nicht so amusant wie früher sein diner, ich machte der hübschen
tochter des hofjuweliers sieber ein wenig die cour, ging aber bald fort. halb
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien