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viel nützlicher halte. da bin ich nun mit ihm ganz verschiedener meinung,
indem ich nicht glaube, daß einem so mächtigen und altétablirten handels-
monopole wie das englische gegenüber der unsrige raum gewinnen könnte,
es wäre die fabel von den 2 töpfen, dem eisernen und dem irdenen. öttl
gibt mir nun eine menge rathschläge, wie ich es einleiten solle, um stadi-
ons Beyhülfe zu gewinnen, was ich aber noch am ehesten thun würde, wäre,
bey meiner rückreise über triest zu gehen und persönlich mit stadion zu
sprechen, nun höre ich aber, daß er nächstens auf urlaub geht, da wäre also
wieder nichts.
nachdem ich mich ein Paar tage umsonst hatte anfragen lassen, ließ mir
fürst metternich gestern sagen, ich möchte heute zwischen 1 und 2 uhr hin-
kommen, und als ich dieß that, ließ er sich mit seinen geschäften entschul-
digen und mich bitten, Abends in seinen salon zu kommen, wo er mit mir
sprechen würde. das war mir dann ziemlich unangenehm, weil ich voraus-
sah, daß ich da nicht so lange und ungestört mit ihm werde reden können
als in seinem cabinet, auf der andern seite ist es wieder gut, weil es mich
autorisirt, wieder in seinen salon zu kommen und ihn so mehr als einmahl
zu sprechen.
Wie ich dachte, so geschah es, ich kam diesen Abend hin, wo ziemlich we-
nig menschen waren, und bald darauf kam der fürst auf mich zu und nahm
mich in die wohlbekannten nebenzimmer mit, wo wir auf und ab gingen, da
sprach er dann so viel, daß ich kaum zu Worte kommen konnte, und als er
fertig war, ging er mit mir in den salon zurück, und da war es dann aus, ehe
ich noch Alles das, was ich zu sagen hatte, sagen konnte. doch versprach er
mir zu wiederholten mahlen, sich der sache thätigst annehmen zu wollen,
mit kübeck zu sprechen, mir durch die englische regierung empfehlungen
zu verschaffen etc., im übrigen sollte ich nur mit hügel sprechen. er fragte
mich, ob ich bereits mit kübeck gesprochen habe, und ich sagte ihm, wie gut
er meine Pläne aufgenommen habe, von dem später vorgefallenen sagte ich
mit vorbedacht nichts. Wir sprachen über die handelsverhältnisse zu jenen
ländern, über Alles übrige aber konnte ich nicht mehr zu Worte kommen
und auch nur so im fluge ein Wort über meinen Wunsch anbringen, einen
diplomatischen charakter zu erhalten, so daß ich über diesen Punkt wie
über den der zu erhaltenden Aufträge nun so viel weiß wie zuvor. ich will
nun mit hügel (bey dem ich letztlich wieder war, um ihm mein mémoire an
den fürsten zu zeigen) sprechen und auf eine soviel als möglich bestimmte
Antwort drängen, und dann es noch ein mahl versuchen, den fürsten im
salon abzufangen, damit ich, ehe ich abreise, etwas gewisses erfahre, denn
davon wird es dann abhängen, ob ich von mailand aus mein urlaubsgesuch
einbringe oder nicht. Wegen der geldunterstützung werde ich, das sehe ich
schon, dießmahl hier nicht ins klare kommen, das ist aber auch nicht nöthig,
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien