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Mai 1842
hinzu, dem Andrian zahlt der fürst metternich am ende noch die reise,
wollte gott, seine vermuthung ginge in erfüllung.
heute Abend habe ich louise Praschma zum letzten male gesehen, da sie
morgen mit sidi fünfkirchen nach morawitz zurückkehrt, ein herrliches,
unverdorbenes mädchen, welche mir die wenigen male, da ich sie sah, ganz
außerordentlich gefiel. es that mir ordentlich weh, als ich sie bey troyer’s,
wo ich nach dem theater hinkam, um sie noch zu sehen, und dort ihre tante
georges und stephanie esterhazy1 etc. fand, an den Wagen geleitete, denn
ich dachte: bis ich sie wiedersehe, hat die leidige Welterfahrung auch diese
frische jugendliche Blume geknickt, und die Zeit vielleicht ihre blühende
schönheit vernichtet. schade!
diesen nachmittag war ich in der generalversammlung des ge werbs-
vereines,2 einige vorträge, namentlich der über die leistungen der handels-
section, sehr interessant, dann eine ziemlich bittere discussion über eine
einem gewissen fabrikanten bewilligte médaille für dachziegel, wobey der
Präsident, ferdinand colloredo, mir ziemlich parteyisch vorkam und auch
ganz wacker ausgezischt wurde. im ganzen freute ich mich sehr über die
würdige und doch theilnehmende haltung der sehr zahlreichen versamm-
lung, das wäre in italien unmöglich. überhaupt fange ich an zu glauben,
daß auch an den Wienern nicht zu verzweifeln ist. Auch sie schreiten fort
und qualificiren sich allmälig zu freyen, mitdenkenden und mithandelnden
staatsbürgern, freylich langsamer als gut wäre, aber wessen ist die schuld?
[Wien] 13. mai Abends
Am 10. ging ich auf Baron hügels Bestellung zu ihm in die staatskanzley,
und da theilte er mir dann mit, was fürst metternich auf mein mémoire ge-
schrieben hatte. es lautete ungefähr so: Will Baron Andrian die reise unter-
nehmen, so will ich ihm die verlangten empfehlungen etc. gerne geben und
ihn an unsere gesandtschaft in Brasilien weisen, diplomatische Aufträge
wüßte ich ihm jetzt keine zu geben, und wegen kommerziellen müßte er sich
an Baron kübeck wenden.
hiermit wäre ich denn sowol bey metternich als bey kübeck vorläufig am
ende meiner unterhandlungen. von Beyden kann ich auf unterstützung und
theilnahme rechnen, aber wenigstens vor der hand auf nichts weiter, d.i. auf
keine speciellen Aufträge, die Autorisation Berichte zu erstellen, versteht
sich nach jenen eröffnungen von selbst. im momente meiner reise könnten
sich vielleicht, vornehmlich von seiten kübecks, dann doch noch Aufträge
1 Gräfin Karoline Esterházy, geb. Gräfin Praschma, Gattin von Graf Georg Esterházy (1781–
1865), und ihre tochter stephanie.
2 der 1839 gegründete niederösterreichische gewerbeverein.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien