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Mai 1842
in den Prater, nahm dann im Burgtheater von allen verwandten etc. Ab-
schied, ebenso nach dem theater von flore, bey der ich noch meinen thee
trank, und ging dann zu metternich, ich sprach mit dem fürsten, zwar nicht
mehr von meiner Angelegenheit, was eben nicht thunlich war, doch gab er
mir andere commissionen nach mailand und nahm einen sehr freundlichen
Abschied von mir. graf hartig aber, der auch da war, nahm mich beym Weg-
gehen auf die seite und sagte mir sehr freundlich, er gebe mir zwar keinen
rath, aber wenn ich bey meiner idee bliebe, so solle ich ihm nur schreiben,
und er würde mit dem fürsten sprechen und überhaupt Alles mögliche für
mich thun. dieses überraschte und entzückte mich, es scheint also eine com-
plete sinnesänderung bey ihm eingetreten zu seyn, wem habe ich das zuzu-
schreiben?
überhaupt gehe ich mit der besten hoffnung und in heiterer stimmung
weg, ich glaube fest, daß es gehen wird, et mon étoile fera le reste.
nur der Abschied von flore hat mich gekostet, obwol ich ihr gabrielle weit
vorziehe, und wir in vielen, ja in den meisten dingen nicht harmoniren, da
sie auf Alles das, was ich gering schätze, die Welt, ihre freude, leiden und
Auszeichnungen, einen enormen Werth legt, und umgekehrt nicht auf das,
was mir wichtig scheint, obwol sie mich daher oft im stillen impatientirte, so
ist sie doch ein vortreffliches, wirklich engelsgutes geschöpf und liebt mich
mit einer wahrhaften Zärtlichkeit. möge es ihr immer so wohl ergehen als
jetzt.
Wegen erhaltung des Passes ins Ausland habe ich mich, um allen lästigen
und zeitraubenden förmlichkeiten auszuweichen, an den Polizeypräsiden-
ten grafen sedlnitzky gewendet, welcher mir denselben sogleich mit der-
selben Bereitwilligkeit ertheilt hat, mit der er mir im Jahre 1839 zu meiner
reise in die schweiz etc. behülflich war.
münchen 25. mai Abends
Am 22. früh zwischen 10 und 11 uhr verließ ich Wien mit Arthur Palla-
vicini, in der drückendsten hitze erreichten wir sct. Pölten, wo wir aßen,
und fuhren dann ohne Aufenthalt und sonderliche ereignisse weiter. Bloß
hatten wir in der nacht eine Art tragikomische Aventure mit einem besof-
fenen Postmeister in Amstetten, der damit anfing, über die regierung, die
eisenbahnen und dampfschiffe zu schimpfen, die ihm sein gewerbe ver-
därben, plötzlich aber im momente, da wir abfahren wollten, sich wie ein
Wüthender in die Pferde warf, dem Postillon ins gesicht schlug, daß das
Blut hervorstürzte, und alles dieses, weil er wollte, das dritte Pferd müsse
daneben und nicht vorgespannt werden, wir hatten mühe, den rasenden los
zu werden, und mußten endlich den gerichtsdiener holen lassen, welcher
ihn wegführte.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien