Seite - 303 - in „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ - Tagebücher 1839–1858, Band I
Bild der Seite - 303 -
Text der Seite - 303 -
30328.
Mai 1842
von st. martin im herbste 1839, leider sind Arco valley’s eben jetzt in Paris,
Andlau,1 dörnberg etc.
die frauen hier se piquent de vertu, was gerade zur Annehmlichkeit der
gesellschaft nichts beyträgt, besonders ist irène mit einer so klösterlichen
unbefangenheit dans les bons principes, daß man nicht weiß, ob man dar-
über lachen oder sie bewundern soll.
sonst scheint hier, wenigstens soviel ich bis nun gesehen habe, auch nicht
viel mehr interessante conversation zu herrschen als in Wien, von Politik
spricht man, versteht sich in der großen Welt, so gut wie gar nicht, gelehrte
und künstler sind wie dort von ihr ausgeschlossen, und als irène mir heute
sagte: sie begegne zuweilen dem berühmten görres, und ich sie fragte, wie
er aussehe, antwortete sie ganz kurz: dumm, und damit war er abgethan.
übrigens hat der könig jetzt eine Art von maitresse, wie ich höre, ein fräu-
lein lizius, der er aber nach seiner beliebten manier nichts gibt, dagegen
aber ihre protégés anstellt, und so heißt man sie den ludwigscanal, er ist so
eben bey terracina ausgeraubt worden, will aber, daß dieses ein geheimnis
bleibe, er ist in seinem lande unpopulärer als je, und Aller hoffnungen rich-
ten sich, wie das schon geht, auf den kronprinzen.
Bayern repraesentirt noch immer nicht den blühenden, wahrhaft fort-
schreitenden charakter deutschlands, und es hat mir wehe gethan, zu
sehen, daß zwischen oesterreich und hier noch immer kein allzu großer
unterschied herrscht. Auch die Äußerungen der Augsburger redacteure
und ihre lebhaften unterscheidungen zwischen nord- und süddeutschland
haben mich schmerzhaft berührt, ich hatte mir deutschlands einheit als
näher vorgestellt, sollte die verwirklichung dieser lieblingsidee auch noch
lange auf sich warten lassen? Bundestag und Preßzwang, ihr wäret daran
schuld.
[münchen] 28. mai
gestern stöberte ich einen guten theil des vormittags in den hiesigen Buch-
handlungen herum, meine Absicht war auch, Prof. martius, der das große
reisewerk über Brasilien geschrieben, zu besuchen,2 wenn ich kann, so will
ich es heute thun, obwol ich aus einem einzigen Besuche eben keinen großen
vortheil absehe. dann war ich bey Breul und machte einkäufe. um 3 uhr aß
ich bey Arco. irène zeigte mir nach tische mit vielem Wohlgefallen ihre Ap-
1 richtig der badische diplomat franz Xaver Andlaw-Birseck. er war 1826–1839 geschäfts-
träger in Wien und seit 1838 ministerresident in münchen.
2 Johann Baptist v. spix und carl friedrich Philipp v. martius, reise in Brasilien. Auf Befehl
sr. majestät maximilian Joseph i., königs von Baiern in den Jahren 1817 bis 1820 gemacht
und beschrieben. 3 Bde. (münchen–leipzig 1823–1831).
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien