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Juni 1842
gegen 1/2 8 uhr ging ich ins theater, wo zum Besten der hamburger1 ca-
tharina cornaro von lachner gegeben wurde, es war sehr voll und der ganze
hof zugegen. die musik war sehr schön, da es aber entsetzlich heiß war, und
irène nicht kam, ging ich nach einer stunde wieder weg, im englischen Park
spatzieren, um den herrlichen Abend zu genießen, und dann in den hofgar-
ten, wo ich louis Arco und Arthur traf. um 9 uhr gingen wir nach hause
zu irène, ich machte meine reisetoilette bey Arthur, und dann soupirten
wir beyde, tranken unsern thee und fuhren um 1/4 12 unter großem ge-
heul irène’s ab, mir selbst war wirklich leid weg gehen zu müssen, ich hatte
die Arco’s in der kurzen Zeit erstaunlich lieb gewonnen, und sie haben mich
wirklich wie einen nahen verwandten aufgenommen.
die nacht war schön, aber kalt. morgens früh waren wir in tegernsee
und gegen 7 uhr in kreuth, das ich seit 1830 nicht gesehen hatte. Aber wie
anders kam es mir vor als damals! meinen 17jährigen und noch dazu damals
verliebten Augen war kreuth wie der inbegriff der elégance und des com-
forts erschienen, und gegenwärtig schien es mir das gerade gegentheil von
Beyden! das ist doch eine traurige Bemerkung, wie viel rein subjectives in
unseren Ansichten liegt!
nach einem kurzen frühstücke fuhren wir weiter durch das herrli-
che Achenthal längs des sees und dann bey einer brennenden hitze über
schwatz nach innsbruck, wo wir gegen 5 ankamen und in der goldenen
sonne abstiegen. dort aßen wir und stiegen dann ein wenig herum, ich fand
die stadt seit 1831 nur sehr wenig verändert, wiewohl ein Bischen verschö-
nert, eine menge alter erinnerungen stiegen in mir auf, wieviel hat sich seit
damals in und außer mir geändert! ich sah mehrere alte Bekannte, jedoch
ohne sie anzureden, weil ich incognito bleiben wollte, da ich sonst der visiten
kein ende gehabt hätte, so sah ich Preysing oder vielmehr eckhardt, mörl,
carl lodron und meine ehemalige flamme elise lodron mit ihrer mutter
vorbeygehen, da ich gerade unter dem thore des gasthofes stand, und wun-
derte mich selbst darüber, daß mir ihr Anblick auch nicht die mindeste Be-
wegung verursachte. vor 10 Jahren, wie war es da anders!
Wir hatten über den stelvio fahren wollen, doch rieth man es uns auf der
Post in innsbruck ab wegen schnee und lavinen, so fuhren wir um 7 uhr ab,
waren des morgens darauf in Brixen, aßen in Botzen, begegneten unterwe-
ges crivelli, der uns nachrichten aus mailand gab, waren Abends in trient
und tags darauf zum frühstücke in desenzano, gegen mittag in Brescia,
wo wir aßen und dann immer bey der scheußlichsten hitze, so daß wir auf
jeder zweyten Post schmieren lassen mußten, weiter fuhren. um 1/2 10 uhr
Abends waren wir in mailand. da hatte ich dann die unangenehme über-
1 für die opfer des großen hamburger stadtbrandes vom mai 1842.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien