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Tagebücher312
eben von triest gekommen ist und eine mir ziemlich unbedeutende mündli-
che mitteilung öttl’s in dieser Beziehung brachte.
sonst wenig Besonderes, meraviglia ist wie durch ein Wunder gerettet,
nachdem man durch 14 tage jede minute seinen tod erwartet hatte, ist er
nun auf dem Wege einer raschen entschiedenen Besserung, doch wird er
wohl gelähmt bleiben. der hof ist in monza und kömmt wöchentlich am
mittwoch und donnerstag herein, wo ich dann gabrielle sehe.
letzthin war fanny skrbensky mit ihrem manne ein paar tage hier auf
ihrer durchreise nach genua, wo sie die seebäder zu brauchen denkt. gabri-
elle und ich machten ihr so gut wir konnten die honneurs, am tage ihrer
Abreise chaperonnirte ich sie noch bey einer militairischen funktion in den
giardini herum: nämlich eine fahnenweihe des grenadierbataillons Pergen,
wobey die viceköniginn als fahnenmutter fungirte, das ganze war recht
hübsch.
vorgestern nachmittags fuhr ich mit neipperg und noch einigen wegen
der fiera di s. giovanni nach monza und denke Zeit meines lebens daran,
die confusion, der lärmen und tumult waren grenzenlos, von 7 bis 11 uhr
standen wir fast unaufhörlich, wie häringe gepreßt, gedrückt und gestoßen,
theils an der kasse, theils vor dem eingang des Bahnhofes, und ich war froh,
als ich endlich mit geraden gliedern aus dem omnibus ausstieg.
hier erzählt man sich geschichten von der nahen Auflösung louis
Philippe’s, andere behaupten wieder, es sey speculation der seidenkäu-
fer, um die Preise zu drücken, was sie auch wirklich erreicht haben. felix
schwarzenberg ist nach Wien berufen worden und dürfte wahrscheinlich
nach Berlin kommen, da trautmansdorf mit dem jetzigen könige nicht mehr
zum Besten stehen soll.1 carl schwarzenberg begleitete erzherzog carl fer-
dinand nach rußland,2 zu Wengersky’s großem verdruße. ein mörderisches
duell, welches am 15. dieses monats zwischen eduard clam und einem mr.
Westbrook wegen eines streits, den sie beym letzten Wiener Wettrennen ge-
habt hatten, an der sächsischen grenze hätte stattfinden sollen, und wovon
die sperlinge auf den dächern sprachen, ist glücklich beygelegt worden.
graf chotek, dessen reibungen mit den böhmischen ständen und vor-
nehmlich seine scandalöse geschichte mit einem französischen obersten,
welchem er eine eisenbahnconcession, wie dieser in einem sehr starken
Pamphlet behauptet, zu wucherischen Bedingungen abnöthigte, ihm eine
éclatante ungnade zugezogen haben, hat einen langen urlaub erhalten, und
1 dieses revirement fand nicht statt, graf Josef trauttmansdorff blieb bis 1849 gesandter
in Berlin, fürst felix schwarzenberg bis 1844 in turin.
2 Anlässlich der feierlichkeiten zur silbernen hochzeit des Zarenpaars.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien