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Tagebücher314
einen verläßlichen menschen, (tendler’s gehülfen) abschreiben, denn ich
selbst thäte es um keinen Preis in der Welt wieder, und muß es daher von
neuem durchgehen und revidiren, ich kann es gar nicht sagen, wie zuwider
es mir ist, auf diese alte Arbeit abermals zurückkommen zu müssen. Auch
geschieht es bloß flüchtig und materiell. indessen habe ich, da ich nunmehr
kaum voraussetzen kann, daß campe es verlegen wolle, an andere verleger
schreiben lassen und dieser tage von hoff in mannheim eine ablehnende
Antwort erhalten, indem er durch andere unternehmungen bereits vollkom-
men in Anspruch genommen sey.
hinsichtlich meiner reise nichts neues, als daß ich studire und in alle
ecken der Welt Briefe schreibe, ich warte nun auf erzherzog stephan und
Antworten auf jene Briefe.
[mailand] 24. Juli
Was soll man schreiben, wenn nichts geschieht? unter solchen umständen
ist ein tagebuch zu führen eine wahre Pein. Alles, was ich sagen kann, ist,
daß ich noch immer auf den erzherzog stephan warte, der diese tage kom-
men soll, indessen reist er in dem ganzen königreiche herum und wird von
den offiziellen Zeitungen gelobhudelt, ich hatte gewünscht, ihm hier zugege-
ben zu werden, jedoch wird er niemand zugetheilt erhalten mit Ausnahme
eines gubernialrathes, crippa, für die Administrationsgeschäfte. so werde
ich mir also einmahl geradezu einen Anlauf nehmen müssen und ihm von
meinen amerikanischen Projekten sprechen, denn für den Augenblick wüßte
ich nur diesen einen Weg, um von hofe eine geld-unterstützung zu erwir-
ken, wir wollen sehen, ob mir dieses etwas hilft, weit besser wäre es freylich
gewesen, wäre ich ihm beygegeben worden, wo ich dann muße und gelegen-
heit gehabt hätte, übrigens hoffe ich auch so das Beste.
mittlerweile bekomme ich nach und nach Briefe und Antworten, viel
schöne Worte, das einzige reelle dabey ist, daß es mit dem beabsichtigten
verkaufe von Papariano vorwärts zu gehen scheint, dieser aber ist eine con-
ditio sine qua non meiner reise.
ich révidire jetzt à mon corps défendent mein vorjähriges manuscript so
wie dessen Abschrift, wie sie mir nach und nach aus der hand des copisten
zukömmt, ein peinliches handwerk, doppelt so weil das manuscript so kon-
fus ist, daß ich nun selbst kaum mehr daraus klug werde, und ich nebst-
dem fürchte, daß mehrere noten, besonders Zahlen, die ich damals beyfügte,
nun nicht mehr aufzufinden seyn dürften, und endlich weil man nach einem
Jahre sein eigenes Werk mit ganz anderen Augen ansieht, und drob werde
ich oft ganz mißmuthig und ärgerlich, deßwegen: nonum prematur in an-
num, es zu ändern und umzuarbeiten aber, dazu fehlt es mir an lust und
thätigkeit.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien