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August 1842
deutschen vaterlandes erzählen und speciell über den fortgang deutscher
Auswanderungs- und colonisationsvereine. nach meinen letzten Briefen
aus Wien sind die friedrichsthal’schen kisten endlich ausgepackt und je-
doch noch in ziemlicher unordnung aufgestellt worden, es haben sich da-
bey erläuternde manuscripte gefunden, und so wird jetzt an deren ordnung
gearbeitet, worauf sie wohl die regierung an sich kaufen wird. leider hat
natterer seines vorgerückten Alters halber die idee aufgegeben, America
wieder zu besuchen, doch nimmt er lebhaften Antheil an meinen Projekten
und wünschte besonders, daß ich meine Aufmerksamkeit auf die amerika-
nischen ursprachen, von denen er schon über 90 gesammelt hat, wenden
möchte. seine sammlungen will er mir bey meinem nächsten Aufenthalte in
Wien mittheilen.
von campe noch keine Antwort, doch erwarte ich nächster tage eine ka-
tegorische zu bekommen. erzherzog stephan ist seit einigen tagen hier, zu-
getheilt wurde ihm bisher niemand, er besucht alle Ämter, wiewohl ziemlich
flüchtig, gestern war er bey uns und also auch bey mir, jedoch war unsere
unterredung zwar sehr freundlich, aber ganz kurz, und roulirte wie natür-
lich nur über officielle gegenstände. Aufwartungen nimmt er nicht an, doch
aber hoffe ich: im laufe seines hiesigen verweilens gelegenheit zu finden,
ihm von meinem vorhaben zu sprechen.
[mailand] 11. August
heute nachmittags ist erzherzog stephan fort, er war die ganze Zeit seines
hiesigen Aufenthaltes so sehr mit dem Besuchen öffentlicher Anstalten be-
schäftigt, daß nicht daran zu denken war, ihn ohne ein besonders gestelltes
Begehren sprechen zu können, ich ließ ihn daher durch gabrielle bitten, mir
eine stunde zu geben, was dann gestern in der frühe geschah. ich erzählte
ihm also da von meinen reiseplänen, von den resultaten meiner letzten
reise nach Wien und endlich von der nothwendigkeit, in der ich mich be-
fände, vom staate eine unterstützung von 6–8000 fl. anzusuchen. er ging
mit großem eifer und interesse in die sache ein, versprach mir unaufgefor-
dert, an graf kolowrat, der in allen geldangelegenheiten die oberste Auto-
rität sey, davon zu schreiben, und bey seiner rückkehr nach Wien, mitte
oktober, mit ihm darüber zu sprechen und mir dann dessen Antwort etc.
schreiben zu lassen, er meinte, die sache würde gehen, und versprach mir
seine hohe mitwirkung, wir sprachen ziemlich lange und ganz von der leber
weg über diesen gegenstand, und er machte einen äußerst vortheilhaften
eindruck auf mich, durch die ungezwungenheit seiner manieren und be-
sonders durch die richtigkeit, womit er gleich im Augenblicke meinen vor-
trag auffaßte. gestern Abend war er zum Abschiede in monza und erzählte
da gabrielle unsere unterredung, und versprach ihr wiederholt und unauf-
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien