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gefordert, die sache mit allem ernste zu betreiben. Was mir aber minder
freude macht, ist, daß er davon auch dem vicekönig, wenigstens der erzher-
zoginn mutter und tochter sprach,1 von denen der vicekönig es daher gewiß
erfährt, ich muß nun daran denken, wie ich diese scharte auswetzen soll,
besonders da ich nun doch wieder an meinen langweiligen gubernialsekre-
tairsgesuche rütteln und daher nächster tage zu ihm gehen muß.
Après tout, même demnach ein großer schritt geschehen, und nun hoffe
ich das Beste, eine unterstützung wie die erzherzog stephan’s, und diese
ist mir bey seinem charakter gewiß, kann nicht ohne früchte bleiben. ein
anderes incident, welches ebenfalls seine folgen haben kann, hat flore in
diesen tagen hervorgerufen, sie hat nämlich den neapolitanischen gesand-
ten in Wien, ramirez, mit dessen frau sie sehr liirt ist, bewogen, sich zu
verwenden, damit mir auf der neapolitanischen fregatte, die im november
die neue kaiserinn von Brasilien dahin führen soll, ein Platz eingeräumt
werde.2 da er selbst nach neapel gereist ist, so will er das ding dort versu-
chen. ohne zu wissen, ob ich es fürchten oder wünschen soll, lasse ich den
erfolg oder nichterfolg dieser intrigue an mich kommen, und bin neugierig,
wie sich das entwickeln wird.
Weder von campe noch sonst wem der vielen Buchhändler, an die mein
hiesiger geschrieben, ist bis dato eine Antwort da, wie erklärt sich das? es
beunruhigt und ärgert mich, übrigens geht es mit der copierung und correc-
tur immer vorwärts. mir ist aber gerade jetzt bey der kannibalischen hitze
so bang und ängstlich hier zu muthe, und ich habe soviel und vielerley ge-
danken im kopfe, daß ich diese tage aufs land hinaus muß, sonst wird mir
ganz jämmerlich, dort muß ich auch wegen cotta, kolb und des ihm verspro-
chenen Artikels das nähere überlegen.
die stadt mailand hat sich für den erzherzog stephan nicht sehr in foris
gesetzt, und doch hat er allgemein einen vortrefflichen eindruck gemacht,
doch war es hier bekannter als sonst wo, wie eifersüchtig der vicekönig auf
sein Ansehen und seine Popularität ist, und daher blies der Wind von oben
gegen alle besonderen ehrenbezeugungen. die einzigen öffentlichen spekta-
kel, denen er beywohnte, waren eine Produktion der hiesigen Pompiers, eine
Art von fest und Preisverteilung in der neu errichteten schwimmschule,
deren ziemlich mittelmäßiger discipulus auch ich bin, und endlich eine vor-
stellung des ludeo im teatro filodrammatico, welche sehr glänzend ausfiel.
1 gemeint sind wohl erzherzogin elisabeth, die gattin des vizekönigs erzherzog rainer,
und ihre tochter maria.
2 Prinzessin theresa, eine schwester von könig ferdinand ii. beider sizilien, heiratete am
4.9.1843 kaiser Pedro ii. von Brasilien.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien