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August 1842
[mailand] 21. August
ich habe in der vergangenen Woche einen kurzen Ausflug nach como ge-
macht, und zwar über monza und die schöne Brianza mit einem der zahlrei-
chen und eleganten omnibus, die sich nun seit ein paar monathen, seit die
regierung ihr monopol auf den fremdentransport aufgegeben hat, in der
gegend hier allenthalben erhoben haben. Beynahe jede Woche entstehen
hier solche neue Privateilwägen, die nun schon nach genua, como, der Bri-
anza, Bergamo, varese etc. fahren, ungerechnet die zahlreichen omnibus,
die den dienst in der stadt versehen.
in como war Alles von mailändern, der beyden feyertage halber, ange-
füllt, auch erzherzog stephan war dort, und ich machte am 15. die fahrt
auf dem see auf einem der neuen dampfboote, welches zum erdrücken voll
war, mit ihm, wir sprachen beynahe fortwährend mit einander, doch ver-
mied ich es natürlich, auf unser gespräch von neulich zurückzukommen, als
mir der ort nicht geeignet schien, und man den herren nie lästig fallen muß,
übrigens schien er mir keinen großen sinn für naturschönheiten zu haben,
sondern riß in einem fort Wiener Witze. überhaupt verlieren dergleichen
erzherzogliche Wundermänner bey näherer Betrachtung, es ist viel einge-
lerntes und oberflächliches dabey, und zudem meistens auf eine trockene,
uninteressante Administration’s-rechnungsmaschine beschränkt, so z.B.
nahm er gar keine notiz davon, als ich ihm die villa d’este, wo die königinn
caroline gehaust, zeigte, ich hätte mit allen ohren aufgehorcht. dagegen in-
teressiren, oder scheinen ihn wenigstens zu interessiren, alle siechen-, Blin-
den- und Waisenhäuser. Aprés tout ist er ein vortrefflicher liberal denkender
Prinz, und das ist viel, sehr viel für oesterreichs Zukunft, wenn sie ihn nicht
früher verderben durch lobhudeley.
Was auch gut ist, mindestens für uns, ist seine große sucht nach Popula-
rität, er verspricht links und rechts, fordert die leute sogar auf, um etwas zu
bitten, und deßhalb würde ich auf die meinen Projekten gewordene so über-
aus günstige Aufnahme nicht so viel geben, wenn er nicht nebstdem noch
für gabrielle eine überaus große freundschaft, mir scheint sogar ein klein
wenig mehr, hätte. Als ich am selben tage von varenna, so weit war ich ge-
fahren, nach como zurückkam, fuhr ich faute de mieux in einem der elenden
Aerarial-eilwägen nach mailand zurück, wo ich spät in der nacht ankam,
mein hausthor verschlossen fand und daher nach langem klopfen und um-
hersuchen endlich zu meinem großen verdrusse und zum ersten mahle, seit
ich hier bin, in einem gasthause übernachten mußte.
seitdem war ich beym vicekönig und habe mein gesuch um Anvance-
ment erneuert, da er mir seine unterstützung förmlich zugesagt hat, nous
verrons ce qui en sera. indessen hat er selber dem delegaten, und dieser
weiter, von meiner Amerikanerreise gesprochen, mir selbst sagte er nichts,
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien